Einzelne Packungen Nudeln stehen in einem Regal in einem Supermarkt.
Foto: dpa/Sven Hoppe

BerlinWenn ich es nicht selber sehen und hören würde, es fiele mir schwer zu glauben, was momentan in diesem Land und dieser Stadt passiert. In kürzester Zeit wurden und werden hier gewisse Grundregeln des zivilisierten Zusammenlebens über Bord geworfen. Und selbst Menschen, die bislang halbwegs vernünftig erschienen, verfallen zusehends in eine Weltuntergangsstimmung. Mit Verlaub, aber seid ihr alle wahnsinnig geworden?

In Supermärkten lässt sich das derzeitige Panik-Gehabe wunderbar beobachten: Pasta und allerlei Konserven sind hier spätestens ab nachmittags Mangelware, und auch Klopapier ist mitunter so schwierig zu bekommen, dass man sich fragen könnte, was die Leute damit eigentlich vorhaben.

Für Desinfektionsmittel oder das vermeintliche Allround-Wundermittel Mundschutz hat sich im virtuellen Raum zudem ein Geschäftsfeld entwickelt, das mich an die Erzählungen meiner Oma über den Schwarzmarkthandel im Nachkriegsdeutschland erinnert. Nur sind es heute nicht Brot, Milch oder Zigaretten, die für astronomische Preise unter der Hand vertickt werden, sondern besagte Dinge aus der Abteilung Hygiene. Im Internet werden Atemschutzmasken, die in der Herstellung wenige Cent kosten, derzeit für 20 Euro pro Stück und mehr angeboten.

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Margen wie im Drogenhandel

Ein Heidelberger Mittzwanziger soll so quasi über Nacht steinreich geworden sein. Als Corona in China seinen Siegeszug antrat und dort die Nachfrage nach Munschutzmasken rasant anstieg, schlug der Onlinehändler zu und investierte eine fünfstellige Summe in OP- sowie Atemschutzmasken. Um sie dann für teuer Geld weiterzuverkaufen. Bento, das Jugendmagazin des Spiegel, hat mit dem Mann gesprochen. Und zitiert ihn wie folgt: "Das ist wie Drogenhandel. Ich weiß nicht, wie die Margen im Drogenhandel sind, aber so stell ich es mir vor".

Wer nicht so schlau (oder skrupellos) war wie der Heidelberger Onlinehändler und trotzdem mit Corona reich werden will, der wird dieser Tage eben kriminell: Es gibt bereits Meldungen der Polizei, dass aus Krankenhäusern ganze Paletten mit Desinfektionsmitteln gestohlen wurden. Auch diverse Ärzte teilen in sozialen Netzwerken mit, dass Desinfektionsmittel "verschwinden" und die Praxen möglicherweise demnächst schließen müssten, weil sie ihrer Arbeit ohne dementsprechende Hygiene-Voraussetzungen nicht mehr leisten könnten. 

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Anfeindung gegen vietnamesischen Jungen

Tatsächlich besorgniserregend ist allerdings etwas, das mir eine  vietnamesische Bekannte heute Morgen erzählt hat. Ihr Sohn (acht Jahre alt) sei weinend von der Schule nach Hause gekommen. Mitschüler hätten sich beschwert, er soll den Klassenraum verlassen und besser zuhause bleiben, weil er bestimmt Corona habe. Er käme ja "von da". Dass der Junge in Berlin geboren wurde und seine Familie zudem aus Vietnam und nicht aus China stammt, interessierte die fraglichen Mitschüler nicht.  

Dass Corona kein Spaß ist - keine Frage. Dass die Behörden im Zweifel Schulen schließen und Massen-Events wie die ITB oder die Leipziger Buchmesse abgesagt werden, macht vermutlich auch Sinn. Aber dass  in der Tagesschau darauf hingewiesen werden muss, wie man richtig Hände wäscht (!), lässt mich dann doch wieder am gesunden Menschenverstand einiger Mitbürger zweifeln.

PS: Ein Gutes könnten die derzeitigen Hamsterkäufe dann übrigens doch haben. Sollten die sammelwütigen Mitmenschen in den kommenden Wochen merken, dass sie all das, was sie gekauft haben, unmöglich verbrauchen können, hier ein Tipp: Einfach mal nach Griechenland spenden. Denn dort droht tatsächlich eine humanitäre Katastrophe. Auch ohne Corona.