Berlin - Hundehaufen, Falschparker, Nachbarn, die ihre Wohnung ohne Erlaubnis untervermieten. In der digitalen Welt tauchen immer neue Foren, Seiten und Apps auf, auf denen man vermeintliches oder tatsächliches Fehlverhalten seiner Mitmenschen anprangern kann.

Jüngster Fall bisher ist der sogenannte Lehrerpranger der AfD. Auf der Internetseite können Eltern und Schüler Lehrer melden, die eine vermeintlich falsche politische Gesinnung haben. Jetzt machen auch die Taxifahrer im Netz mobil – rufen zur digitalgestützten Kontrolle des Mitbewerbers Uber auf. All diese Portale und Plattformen finden ihre Nutzer. Aber was sagt es über eine Stadt aus, wenn ihre Bewohner sich gegenseitig denunzieren? Wenn sogar die Behörden Bürger aufrufen, andere anzuprangern?

Neues Meldeportal der Berliner Taxivereinigung 

Alleine bei den Ordnungsämtern der Stadt gehen pro Monat rund 10.000 Meldungen online ein, wegen illegal abgeladenem Abfall, blockierten Zufahrten oder gar Obdachlosen, die irgendwem ein Dorn im Auge sind. Mit wenigen Klicks ist bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und den Bezirksämtern seit 2016 außerdem das Melden von Nachbarn möglich, die mutmaßlich eine Airbnb- oder sonstige illegale Ferienwohnung betreiben.

Seit knapp drei Wochen neu im Bund der Melde-Portale: Die Berliner Taxivereinigung mit ihrer App „btMv“. Mit ihr dokumentieren Berliner Taxifahrer jetzt Uber-Fahrer: Sie notieren Nummernschilder, Standort, Uhrzeit und laden Fotos von Mietwagen hoch – in der Regel, ohne dass die Fotografierten davon wissen.

100 bis 150 Berliner Fahrer nutzen die App laut dem Vorsitzenden der Taxivereinigung, Richard Leipold, bereits und melden sich damit freiwillig als Zeugen bei Verstößen gegen die sogenannte Rückkehrpflicht. Denn Uber-Fahrer dürfen, im Gegensatz zu Taxifahrern, nicht an strategisch günstigen Orten in der Stadt warten, sondern müssen nach jeder Fahrt an ihren Betriebssitz zurückkehren.

Soziale Kontrolle wie im Dorf

Der Berliner Stadtsoziologe Sigmar Gude beobachtet das Meldeverhalten mit Sorge – aber auch einem gewissen Verständnis für das Verhalten der Nutzer dieser Online-Pranger. In manchen Bereichen sei das öffentliche Melden für Behörden oder Verbände „unangenehm, aber verständlich“, weil der einzige Weg, um an Informationen über Rechtsverstöße zu gelangen. So zum Beispiel bei den Taxifahrern, deren Beschwerden beim zuständigen Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (LABO) nur dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn ein konkreter Tatvorwurf, ein Tatort und eine Zeit, ein Betroffener sowie ein Zeuge genannt werden können.

Ähnlich sei die Lage bei illegalen Ferienwohnungen, die chronisch überarbeitete Behörden nicht aufspüren könnten. Gleichwohl sei es problematisch, wenn es die Möglichkeit zum anonymen Melden gibt.

„Wo Anonymität herrscht, herrscht immer auch die große Gefahr des Missbrauchs“, sagt Gude. „Der Stimmung in einer Gemeinschaft ist das nicht zuträglich.“ In eine Nachbarschaft ziehe dann rasch Misstrauen ein. Man versuche in der Großstadt, eine soziale Kontrolle zu etablieren, die der in einem Dorf ähnelt. Nur: „Im Dorf wird mit offenem Visier verhandelt, da weiß man, wer ein Problem mit einem hat. In der Stadt entfällt das.“

Heftiger Widerstand gegen AfD-Meldeportal

Als gefährlich bezeichnet Gude es, wenn die Meldungen über beweisbare Fakten hinausgehen – wie das Portal der AfD. Seit einer Woche können Schüler online „Vorfälle“ im Klassenzimmer melden – gemeint ist damit: Wenn sich der Lehrer kritisch zur Partei äußert. Das Portal heißt „Neutrale Schule“. Hier gehe es deutlich um die Bewertung von Meinungen und Lebenseinstellungen, so Gude: „Das ist das Schlimmste, was einer liberalen Gesellschaft passieren kann.“ Wer befürchte, dass Gesagtes gegen ihn verwendet werde, würde rasch den Mund halten. „Das ist der Anfang vom Ende einer offenen Lebensweise.“

Zum Glück sind die Internet-Pranger unterschiedlich erfolgreich: Bei der Meldung von Ferienwohnungen, Hundehaufen und illegal abgeladenem Sperrmüll beteiligen sich Zehntausende, die ganz ernsthaft ihre Beschwerden öffentlich machen und auch mal klingen, als wollen sie vor allem Frust ablassen.

Beim Gesinnungsmeldeportal der AfD hingegen regt sich heftiger Widerstand. Berliner Lehrer haben sich in einem offenen Brief früh gegen das Portal ausgesprochen und viel Unterstützung erfahren. Vor allem aber macht die Masse im Netz mobil: Die Seite wurde in der ersten Woche erst einmal geflutet von Spam, Pizza-Bestellungen und Satire-Posts, die Lehrer wie „Björn, ne, Bernd Höcke“ wegen „faschistischer Propaganda“ melden.