Schon am Donnerstag könnte es so weit sein: Am ersten Tag des nächsten EU-Gipfels in Brüssel könnte der Kandidatenstatus der Ukraine für den EU-Beitritt bestätigt werden. Vor diesem Hintergrund fand am Montagabend auf dem Bebelplatz ein Benefizkonzert statt, das schon in mehreren anderen europäischen Städten zu sehen war – mit dem Ziel, der ukrainischen Kultur mehr Aufmerksamkeit unter den Europäern zu verschaffen.

Die ukrainische Botschaft hatte die Veranstaltung in Berlin mitorganisiert, als Teil des Kultursommerfestivals der Stadt. Moderiert wurde die Veranstaltung von Mitgliedern von Kvartal 95, der Comedy-Truppe, mit der der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor seiner politischen Karriere in der Ukraine bekannt wurde. Den größten Beifall erhielt Selenskyj selbst, als er per Videobotschaft auf der Leinwand erschien. Eröffnet wurde der Abend vom ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk mit einer Rede an das Publikum.

In seiner Rede erinnerte Melnyk an die symbolische Bedeutung des Bebelplatzes, denn dort wurden vor 89 Jahren Bücher von Nazi-Anhängern verbrannt. Heute, sagte der Botschafter, werde der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nicht nur gegen das Land und sein Volk geführt, sondern auch seine Kultur. Hingegen sollte das Konzert durch Auftritte von großen ukrainischen Popstars wie Monatik und Oleg Skrypka zeigen, die Ukraine sei „unbesiegbar“, so Melnyk.

„Russland versucht schon seit Hunderten Jahren uns zu vernichten, jetzt will Putin das auch“, sagte der Botschafter. „Er befiehlt, nicht nur unsere Gebäude und Brücken zu zerstören, sondern unsere Museen werden geplündert, das russische Schulsystem wird in den besetzten Gebieten eingeführt.“ Melnyk will, dass in Deutschland verstanden wird, bei dem Krieg gehe es für Russland nicht nur um Territorium, sondern auch darum, „alles Ukrainische mit Füßen zu treten“. Er sei der Meinung, die ukrainische Kultur werde jetzt eine immer größere Rolle beim Aufbau der Unterstützung für das Land in Europa spielen, vor allem jetzt, während es auf die Bestätigung seines EU-Kandidatenstatus wartet. Das deutsche Wissen über die ukrainische Kultur „stecke noch in Kinderschuhen“, sagte Melnyk. „Aber das wird sich ändern.“

Ukraine wolle keine Abkürzung auf dem Weg zur EU

Der Botschafter wollte die Gelegenheit aber auch dazu nutzen, um Berlin und Deutschland zu danken, für die Unterstützung bei der Aufnahme von Geflüchteten und für die Unterstützung für den EU-Kandidatenstatus. Beides hatte Bundeskanzler Olaf Scholz erst vergangene Woche bei seinem Besuch in Kiew zugesichert. Melnyk relativierte auch eine Aussage von vergangener Woche, dass viele Geflüchtete zurück in die Ukraine reisen, weil sie sich in Deutschland nicht willkommen fühlten. Sie sei „aus dem Zusammenhang gerissen worden“. Eigentlich sei er davon überzeugt, „die große Mehrheit fühlt sich sehr wohl“, auch dank der Bemühungen vieler Deutscher, die den Geflüchteten freiwillig geholfen haben.

Im Vorfeld der EU-Versammlung am Donnerstag und Freitag dieser Woche sagte Melnyk, er habe „ein gutes Gefühl“ in Bezug auf das Ergebnis nach vielen Jahren ukrainischer Bemühungen um den Kandidatenstatus. Er hoffe, dass die Ukraine sich auf Deutschlands fortgesetzte Hilfe bei der Vorbereitung auf die Mitgliedschaftsverhandlungen mit der EU sowie bei der Feststellung eines Zeitplans dafür verlassen könne; er wolle aber „keine Abkürzungen“ auf dem Weg zur Mitgliedschaft. „Wir wollen gewissenhaft unsere Hausaufgaben machen“, sagte der Botschafter.

Und dann ist da noch eine Angelegenheit, bei der der Botschafter auf deutsche Unterstützung hofft: der Versuch, die „bittere Entscheidung“ der Europäischen Rundfunkunion (EBU) von dieser Woche rückgängig zu machen, dass der kommende Eurovision Song Contest im Mai 2023 trotz des Sieges im Mai nicht in der Ukraine stattfinden darf. Die Botschaft führe laut Melnyk weiterhin Gespräche mit EBU-Mitgliedern, einschließlich der deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Der Botschafter hofft, dass Deutschlands Status als Gründungsmitglied dazu beitragen könne, die Entscheidung zugunsten der Ukraine zu beeinflussen. „In einem Jahr müsste der Krieg entweder zu Ende sein oder die Lage wird sich zumindest abgemildert haben“, sagte er. „Wir haben die Chance verdient, Gastgeber zu werden – das hat auch einen großen symbolischen Wert für die Menschen.“

Während des Konzerts wurde wiederholt auf die zu erwartende Bestätigung des Kandidatenstatus und dessen Bedeutung für die Ukraine hingewiesen. Das „Kvartal 95“-Mitglied Yevhen Koshovyy sagte der Berliner Zeitung, die Zeit für diesen Schritt sei reif. „Die Ukraine wartet schon eine lange Zeit auf diesen Moment.“ Das Land ist dieses Status würdig. „Europa darf sich auch freuen, so ein junges, schönes, mutiges Land als Mitglied zu haben“, sagte er.

Nach Berlin: Italien, Spanien, Portugal

Das Line-up des Konzerts in Berlin ist bereits in Warschau, Prag und Wien aufgetreten, nach Berlin geht es weiter nach Florenz, Madrid und Cascais in Portugal. Die letzten Tage der Tour seien für alle „sehr bewegend“ gewesen, sagt Koshovyy – vor allem wegen der vielen Begegnungen mit geflüchteten Ukrainern und deren Freuden, um „einfach ein paar Showbiz-Leute aus der Heimat zu Besuch zu haben“.

Enttäuscht war Koshovyy allerdings von dem Verlauf des Besuchs des Bundeskanzlers Olaf Scholz in Kiew letzte Woche. Er hätte sich gefreut, wenn Scholz sich dabei zu Lieferungen von schweren Waffen in die Ukraine verpflichtet hätte. Wie die Gespräche zwischen Scholz und dem alten Comedy-Kameraden Selenskyj abliefen, dazu wollte sich Koshovyy nicht äußern, die beiden schreiben aber jeden Tag SMS an einander. „Natürlich antwortet er nicht immer sofort – er ist ja der Präsident, er hat andere Sachen zu tun“, sagt Koshovyy. „Aber er macht alles richtig. Er hat das Land seit dem 24. Februar immer noch nicht verlassen – das gibt uns allen Hoffnung.“