Michael Zahn, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Wohnen.
Foto: Berliner Zietung/Paulus Ponizak

BerlinMichael Zahn, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Wohnen, ist es gewohnt angefeindet zu werden. Eine Berliner Initiative plant die Enteignung seines Unternehmens. Er hält dagegen – und erwartet auch von der Politik Lösungen für die Wohnungskrise.

Herr Zahn, wo waren Sie am 9. November 1989, als die Mauer fiel?

Ich habe stundenlang zu Hause vor dem Fernseher gesessen und mir alles angeschaut. Damals studierte ich in Freiburg, wir haben alle mit großen Augen in Richtung Osten geblickt. Wir waren stark berührt von dem, was in diesen Tagen geschah.

Hatten Sie Verbindungen nach Berlin, oder sogar in die DDR?

Ich war während meines Studiums tatsächlich viel in Berlin. Ich habe in West-Berlin allerdings immer ein beklemmendes Gefühl gehabt. Der Ost-West-Konflikt war dort ja mit Händen zu greifen.

Foto: Deutsche Wohnen AG
Michael Zahn


...wird im Juni 1963 geboren.

... wächst in Freiburg im Breisgau auf, wo er 1992 sein Diplom als Volkswirt erwirbt.

... steigt 1997 bei der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gehag in Berlin ein, bei der er bis 2007 verschiedene Managerposten übernimmt.

... wird am 1. September 2007 zum Vorstand der Deutsche Wohnen bestellt und einen Monat später zum Vorstandssprecher.

... leitet von 2014 bis 2018 parallel die Konzerntochter GSW.

... engagiert sich unter anderem im Wirtschaftsrat der CDU Berlin.

Sie sind dann nach dem Mauerfall, in den frühen 90er-Jahren, nach Berlin gezogen. Wo lag Ihre erste Wohnung?

Die war mitten in Kreuzberg. Ich habe mir mit einem Freund eine Wohnung geteilt, Altbau im Oranienkiez, 80 Quadratmeter zur Miete.

Haben Sie sich dort wohlgefühlt?

Sehr. Das war ein ganz schönes Kontrastprogramm zu dem, was ich in Freiburg gewohnt war. Es war auch ein Experiment. Ich wollte die Stadt live im Umbruch erleben.

Wo haben Sie in Berlin gearbeitet?

Wie so viele habe ich im Treuhand-nahen Bereich gearbeitet. Ich war in einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen tätig und bin viel in Ostdeutschland und in Ost-Berlin umhergereist. Ich habe viele Menschen und Firmen kennengelernt.

Wie war damals Ihr Eindruck vom Osten und vom Westen?

Ich habe in den ersten Jahren sehr ambivalente Gefühle gehabt. Ich hatte den Eindruck, dass die West-Berliner der Wiedervereinigung sehr kritisch gegenüberstanden – insbesondere, als klar wurde, dass viele ihrer Vorteile wegfallen würden. In Ostdeutschland waren die Menschen dagegen sehr offen, neugierig und aktiv. Ostdeutschland war für mich eine sehr positive Erfahrung.

Damals ist man davon ausgegangen, dass Berlin schnell boomt und groß wird. Haben Sie damals geglaubt, dass das wirklich so schnell kommt?

Ich war insgesamt eher kritisch. Wenn ich zurückdenke an die ersten Wahlen in Ostdeutschland 1990 und die politische Lage: Ich habe damals eher Oskar Lafontaine als Helmut Kohl unterstützt. Ich war der Meinung, dass die Wiedervereinigung, so wie sie angegangen wurde, nicht funktionieren kann. Mit meinem volkswirtschaftlichen Hintergrund wusste ich, dass die Währungsunion mit dem Umtauschkurs von 1:1 für Ostdeutschland gravierende Folgen haben würde. Und die Euphorie hat sich dann ja auch komplett ins Gegenteil verkehrt. Kohl hat damals versprochen, dass die Lebensverhältnisse in Ostdeutschland spätestens in fünf Jahren dem westdeutschen Niveau angeglichen werden …

Blühende Landschaften!

Ja. Aber was wir gesehen haben, ist, dass es schon in den 90er-Jahren einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit gab und enorme strukturelle Probleme. Heute bezweifle ich, ob man das anders hätte machen können. Der Druck auf der Straße war einfach so groß. Gleichzeitig finde ich aus heutiger Sicht auch, dass wir die Lehren aus dieser Zeit lebendig halten und mit dem Begriff „politische Krise“ – wie jetzt nach der Wahl in Thüringen – vorsichtiger und sensibler umgehen sollten. Wir sollten auch davon wegkommen, die für alle sichtbaren und großen Herausforderungen kleinzureden oder gar zu ignorieren. Genau das hat dazu geführt, dass wir heute ein enormes Glaubwürdigkeitsproblem in der Politik haben.

Ihr Unternehmen, die Deutsche Wohnen, ist in eine harte gesellschaftliche Debatte geraten. Auch da geht es um Vertrauen. Hätten Sie vor vier Jahren damit gerechnet, dass heute eine Enteignungsfrage im Raum steht?

Nein, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass wir heute über die Enteignung großer Unternehmen diskutieren. Die Zuspitzung des Wohnungsthemas würde ich so umschreiben: Die Menschen haben das Gefühl, dass die Politik keine Antworten hat. Das gilt für Wohnen genauso wie für Fragen der Integration oder des Klimawandels. Diese gefühlte Hilflosigkeit führt dazu, dass wir immer populistischer und in Extremen diskutieren. Zum Thema Wohnen sage ich ganz klar: Es ist nicht damit getan, einseitig Märkte zu regulieren. Das schafft keine Lösungen, sondern nur neue, noch größere Probleme.

Vor einigen Tagen hat der Berliner Staatssekretär Frank Nägele auf einer Podiumsdiskussion erklärt, dass er über die Deutsche Wohnen kein böses Wort sagen werde. Nägele gehört der SPD an, die mit Grünen und Linken den Mietendeckel beschlossen hat. Wie kommunizieren Sie mit der Politik?

Ich werfe der Politik ja nicht den Mietendeckel vor, sondern dass man die Wirtschaft in die politischen Überlegungen überhaupt nicht einbezieht. Warum verlieren denn die großen Parteien täglich an Rückhalt? Weil sie mehr mit sich selbst beschäftigt sind als mit den Alltagssorgen der Wähler, um die sie sich kümmern sollten. Die SPD veranstaltet über fast ein halbes Jahr eine Art „Deutschland sucht den Superstar“, um neue Chefs zu finden. Die Folge: Gerade die Hälfte der Mitglieder beteiligt sich. Die andere Hälfte weiß vermutlich nicht, um welche Themen es geht, oder interessiert sich einfach nicht mehr dafür. So wird eine Partei irrelevant.

Sie unterstellen der Politik Taktik, reinen Machterhalt? Sehen Sie nicht, dass hinter der Debatte um Mietenregulierung in Berlin auch eine gewichtige gesellschaftliche Frage steht?

Ich finde, dass wir das Wohnungsthema für Berlin diskutieren müssen. Punkt. Und wir wollen uns ja auch aktiv an der Diskussion beteiligen. Aber was ich auf der Politik-Seite beobachte, ist vor allem Panik. Politiker stehen unter Druck, können aber nicht die einfachen Antworten liefern, die das Volk erwartet.

Jetzt gibt die Politik aber eine Antwort: den Mietendeckel. Und in den Umfragen finden bis zu 70 Prozent der Deutschen diese Antwort gut.

Ich glaube nicht, dass 70 Prozent der Deutschen den Mietendeckel unterstützen. 100 Prozent unterstützen faires Wohnen, dazu gehören alle Mitarbeiter der Deutsche Wohnen. Von der Politik würde ich mir mehr Dialogbereitschaft mit allen konstruktiven Kräften wünschen. Es hilft nichts, immer nur denjenigen hinterherzulaufen, die am lautesten schreien und die einfachsten Lösungen propagieren. Es braucht Mut, Wille, Gestaltungs- und Überzeugungskraft sowie Charakter. Wir müssen für eine Lösung im Sinne aller Beteiligten neue Wege suchen. Das ist auch die Aufgabe der Politik.

Mit Mut, Wille und Kraft allein werden Sie jetzt nicht weiterkommen. Das Land Berlin wirft der Deutsche Wohnen vor, über Jahre rechtswidrig sensible Daten der Mieter gespeichert zu haben – und verlangt 14,5 Millionen Euro Bußgeld.

Wir gehen gegen den Bußgeldbescheid vor, weil wir ihn für falsch halten. Hier stehen Vorwürfe im Raum, die sich auf veraltete Datensätze beziehen. Es geht um technisch und rechtlich hochkomplizierte Fragen eines alten Datenarchivierungssystems und eines komplett neuen Datenschutzrechts. Selbst die Berliner Datenschutzbeauftragte erläutert, dass niemand geschädigt wurde und die Daten nicht datenschutzwidrig an Dritte geflossen sind. Sie spricht von „Datenfriedhöfen“ und nicht von Vergehen zu Lasten unserer Mieter.

Wie gehen Sie mit Frau Lompscher um, der Bausenatorin, Ihrem Widerpart in der Politik?

Meines Erachtens basieren die Überlegungen von Frau Lompscher auf einer Idee der 90er-Jahre, einem „demokratischen Sozialismus“. Aber die Deutschen, davon bin ich der festen Überzeugung, wollen keinen „demokratischen Sozialismus“. Frau Lompscher ist allerdings eine Überzeugungstäterin – das muss ich respektieren und mit ihr diskutieren.

Was ist Ihre Überzeugung?

Ich bin liberal eingestellt. Und ich bin der Meinung, dass Regulierung nicht der Markenkern Deutschlands ist und nicht der Erfolgsfaktor sein kann. Gegen die Wirtschaft zu entscheiden, ist für dieses Land langfristig fatal.

Wie gehen Sie als Chef des größten Berliner Immobilienunternehmens damit um, dass Ihr Konzern den Ruf hat, der schlimmste unter den großen Wohnungskonzernen Berlins zu sein?

Haben Sie nicht gerade selbst den Staatssekretär zitiert, der das Gegenteil gesagt hat? Wie dem auch sei: Man sollte auf allen Seiten mit Gelassenheit agieren. Wir sind permanent im Austausch mit dem Senat und den Bezirken. Wir haben Vereinbarungen getroffen, soziale Härten bei Modernisierungen abzufedern. Wir haben unseren Mietern versprochen: Wenn Ihre Einkommen zu niedrig sind, verzichten wir bei Modernisierungen auf die Modernisierungsumlage. Kein Mieter muss Angst um seine Wohnung haben. Wir zeigen damit: Wir als Unternehmen haben eine soziale Verantwortung. Ich suche aber nicht die offene Bühne, sondern versuche die Dinge mit dem Regierenden Bürgermeister und dem Finanzsenator im Dialog zu lösen.

Haben Sie aus Fehlern gelernt?

Ferdinand Piëch hat einmal gesagt: Manager, die keine Fehler machen, sind keine guten Manager. Der Maßstab für mich ist, aus Fehlern zu lernen. Und natürlich haben wir Fehler gemacht. Wir haben uns in unserer Kommunikation viele Jahre zu stark auf den Kapitalmarkt fokussiert.

Wenn Sie heute neu nach Berlin kämen und die Entscheidung treffen müssten, als Investor hier aktiv zu werden, würden Sie es tun?

Ja, weil mein Handeln von langfristigen Motiven geprägt ist. Ich glaube, dass die Urbanisierung anhalten wird.

Eine letzte Frage: Wie wünschen Sie sich Berlin im Jahr 2029?

Ich wünsche mir eine offene Stadt. Ich wünsche mir, dass wir internationaler werden. Und ich hoffe, dass Berlin zu den Top-Metropolen Europas gehört.