Menschen mit Behinderung: Wenn die Wohnungssuche zum Drama wird

Gabriele Werner will ihre WG verlassen und alleine leben. Sie wäre dazu in der Lage, doch der Markt lässt sie nicht. Berlin und die Wohnungsnot – unsere Serie.

Gabriele Werner auf dem Balkon ihrer WG in Pankow.
Gabriele Werner auf dem Balkon ihrer WG in Pankow.Sebastian Wells/Ostkreuz

Vielleicht ist das dort drüben die Lösung, dieses Haus im Rohbau. Gabriele Werner kann es sehen, jeden Tag, wenn sie möchte, kann beobachten, wie einige Hundert Meter entfernt der Traum von einer eigenen Wohnung in den grauen Herbsthimmel wächst. Es ist ihr Traum, vielleicht wird er wahr. Vom Balkon ihrer Pankower WG aus hat die 52-Jährige einen guten Blick, sehnsüchtig ist er, aber von Mal zu Mal schmerzhafter, denn seit fast zwei Jahren schon sucht sie nach ein paar Quadratmetern Lebensglück für sich allein.

Gabriele Werner ist geistig beeinträchtigt von Geburt an. Sie kann deshalb nicht lesen, ist aber selbstständig genug, um in eigenen vier Wänden zurechtzukommen. Sie erledigt ihre Einkäufe selbst, geht ihrer Arbeit in einer Behindertenwerkstatt nach, obwohl sie inzwischen Frührentnerin ist. Sie bewegt sich ohne Probleme durch ihren Kiez. Sie kann viel, nur alleine wohnen kann sie nicht, weil sie stets Absagen auf ihre Bewerbungen erhält.

Einige Dutzend mögen inzwischen zusammengekommen sein. Irgendwann hat sie nicht mehr gezählt. Für ihre Moral ist es besser so. „Ich hoffe, dass es irgendwann endlich einmal klappt.“ Gabriele Werner blickt hinüber zu ihrem Traum aus Beton, der so nah ist und doch weit, weit entfernt.

Berlin leidet unter akuter Wohnungsnot, die chronisch werden könnte. Die Stadt wächst wieder nach einer Phase der Stagnation während der Corona-Pandemie. Prognosen zufolge werden bis 2030 mindestens 200.000 neue Wohnungen benötigt. Rund 6000 stellen die öffentlichen Anbieter pro Jahr fertig. Den Bedarf deckt das nicht.

Gabriele Werner.
Gabriele Werner.Berliner Zeitung/Uros Pajovic

Behinderte stehen bei der Wohnungssuche ganz hinten an

Längst ist ein Wettbewerb um das knappe Gut entbrannt, in dem die sozial Schwachen die schlechteste Ausgangsposition haben. Menschen mit Beeinträchtigung müssen sich in der Warteschlange ganz hinten einreihen.

Knapp 400.000 Schwerbehinderte sind in Berlin statistisch erfasst, etwas mehr als neun Prozent der Bevölkerung machen sie aus. Wiederum 92.000 von ihnen leiden an einer gestörten Hirnfunktion oder einer geistig-seelischen Beeinträchtigung. Viele sind in Wohngemeinschaften untergebracht, wie derzeit Gabriele Werner, die sich mit fünf weiteren Frauen 200 Quadratmeter teilt. In Pankow, Niederschönhausen, am nördlichen Stadtrand. Träger der WG ist der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), der nicht nur Projekte wie dieses unterhält, sondern sich auch in der Jugendarbeit engagiert, offene Sozialarbeit für Familien in Not anbietet und Werkstätten für Behinderte betreibt. Die, in der Werner arbeitet, ist eine davon.

Der SkF unterstützt sie auch bei der Suche nach dem kleinen Lebensglück. Stefanie Börstinghaus zum Beispiel, sie ist eine von drei Sozialarbeiterinnen, die im Wechsel Werners WG betreuen. Sie hat ihre Klientin bei einem Portal angemeldet, hat ein Profil angelegt, erhält seitdem regelmäßig Angebote, eigentlich täglich. Nicht alle passen.

An diesem Morgen war es ein Apartment in Spandau, dessen Kurzbeschreibung per Mail einging. „Das ist dann doch zu weit weg“, sagt Stefanie Börstinghaus. Ideal wäre eine Wohnung in der vertrauten Umgebung, dort, wo Gabriele Werner mittlerweile seit Jahren lebt, wo sie die Wege und einige Anwohner kennt. Die Buchhändlerin um die Ecke etwa, die neulich für die behinderte Frau ein Wohnungsgesuch ausgehängt hat. „Ich habe ihr den Zettel vorbeigebracht und sie darum gebeten“, sagt Werner.

Vorhin ist draußen ein kräftiger Schauer über dem Viertel niedergegangen. Jetzt kehrt das Leben zurück. Zwei Mädchen, Regenjacke, Gummistiefel, rennen über die Straße vor der WG. Auf dem Rad ein Mann in Monteurskluft, eine Hand am Lenker, in der anderen eine halb leere Bierflasche. Ein Rentnerpaar holt Einkaufstaschen aus dem Kofferraum seines Autos. Es könnte die Szenerie in einem Werbefilm sein für das, was sich hinter dem sperrigen Begriff Inklusion verbirgt: Niemand wird ausgeschlossen.

Ob der Rohbau im Hintergrund dazu passt, wird sich zeigen. 95 Wohneinheiten lässt der Discounter Aldi aus dem Boden wachsen, wo vorher eine seiner Filialen in einem Flachbau untergebracht war. Auch das kann eine Strategie gegen Wohnungsnot sein, privatwirtschaftlich organisiert: Apartments über einem Supermarkt. „Das klingt gut, aber wir müssen erst einmal schauen, ob sich Frau Werner die Miete überhaupt leisten kann“, sagt die Sozialarbeiterin Börstinghaus.

Maximal 500 Euro könnte Gabriele Werner aus ihrem monatlichen Budget aufbringen. Mehr als 35, 40 Quadratmeter dürften dafür nicht zu bekommen sein. „Das reicht“, meint Werner, und Börstinghaus sagt, als wolle sie den Satz fortführen: „Aber um Wohnungen mit Gasanschluss bewerben wir uns erst einmal nicht mehr.“

Serie: Wohn-Wahnsinn in Berlin
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen? Wir treffen Menschen, die mit oder ohne WBS suchen, die ins Umland fliehen, weil sie in Berlin nichts finden, oder die mit der Familie in zu kleinen Wohnungen ausharren. Und lassen die Glücklichen erzählen, die eine neue Wohnung aufgetan haben: Welche Tipps und Tricks haben wirklich geholfen?
Wenn auch Sie uns Ihre Wohnungssuche schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben.
Kontakt: leser-blz@berlinerverlag.com

Die Energiekrise und die dadurch angefachte Inflation lassen die Schere auf dem Wohnungsmarkt noch weiter auseinandergehen. Zwischen jenen, die zwar in ihrem Budget die steigenden Preise spüren, aber immer noch genug Geld zur freien Verfügung haben. Und denen, die bereits der wöchentliche Einkauf vor große Probleme stellt. „Auf dem Wohnungsmarkt spielt sich ein soziales Drama ab“, hat Janina Bessenich gesagt, die Geschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie. Das war im Januar, vor Russlands Einmarsch in die Ukraine, der hierzulande die Kosten für den Lebensunterhalt explodieren ließ.

Damals stellte das Pestel-Institut aus Hannover das Ergebnis einer Studie zur Lage auf dem deutschen Wohnungsmarkt vor. Die Forscher hielten fest: „Das in der UN-Behindertenrechtskonvention postulierte Ziel des inklusiven Wohnens auch für Menschen mit schweren Behinderungen ist in Zeiten der Wohnungsknappheit kaum zu erreichen, da für viele Vermieter Menschen mit Behinderung als potenzielle ,Problemmieter‘ gelten.“

Wenn Vermieter auf Werners Bewerbungen reagieren, begründen sie ihre Absagen im immer gleichen Wortlaut, mit den immer gleichen Standardphrasen. „Es heißt dann: ,Wegen der Vielzahl der Bewerbungen müssen wir Ihnen leider mitteilen …‘ und so weiter“, berichtet Börstinghaus. Ähnlich äußerte sich der Anbieter einer Wohnung in Kaulsdorf. Befürchtete er, auf eine „Problemmieterin“ gestoßen zu sein? „Ob die Behinderung von Frau Werner eine Rolle spielte, lässt sich schlecht feststellen. Das würde ja niemand so offen formulieren“, sagt die Sozialarbeiterin.

Immerhin, Gabriele Werner war nach Kaulsdorf eingeladen worden, durfte an einem Besichtigungstermin teilnehmen, zum ersten und vorerst einzigen Mal. „Die Wohnung hätte ich gerne gehabt“, sagt sie.

Inzwischen hat sie sich von der vielleicht allzu festen Vorstellung gelöst, unbedingt in ihrem Kiez etwas Bezahlbares zu finden. Ihre Suche in Niederschönhausen gibt sie aber nicht auf. Neulich erst ist ihr aufgefallen, dass nur wenige Grundstücke von ihrer Augenoptikerin entfernt ein Neubau hochgezogen wird. Wenn es dafür eine Bewerberliste gibt, will sie sich registrieren lassen. So, wie sie es schon bei dem Aldi-Haus gegenüber und einem Projekt der kommunalen Gesobau getan hat.

Bei einem anderen Vermieter fragte sie mehrmals an, doch der reagiert bis heute nicht. „Der ist gar nicht in Berlin, sondern Leipzig oder so“, erzählt Werner. In einem seiner Häuser jedenfalls kam eine ehemalige Mitbewohnerin unter, Annemarie, vor fünf Jahren. Sie war die bisher Letzte aus der WG, die auf dem freien Wohnungsmarkt Erfolg hatte.

Die Situation für Behinderte auf dem Wohnungsmarkt hat sich stetig verschlechtert. Als Börstinghaus 2005 in das Betreuerteam einstieg, ging es noch deutlich entspannter zu. „Da fand man innerhalb von ein paar Monaten etwas Passendes in der Nähe.“ An die 20 Frauen haben seit 22 Jahren den Sprung geschafft, so lange gibt es das Projekt des SkF in Niederschönhausen bereits. Inzwischen hat sich für Börstinghaus die Suche zu so etwas wie einem Job im Job entwickelt.

Wohnungssuche, eine zeitraubende Angelegenheit

Sie sichtet Angebote, formuliert Anschreiben, stellt Unterlagen zusammen: Wohnberechtigungsschein, Einkommensnachweis, Schufa-Bescheid. Eine zeitraubende Beschäftigung, nach wie vor ohne Ertrag. „Wenn sich das nicht bald ändert, müssen wir eine andere Strategie wählen“, sagt Börstinghaus. Vielleicht führt der Weg über einen Makler zum Ziel. „Vorausgesetzt, dass das nicht zu sehr ins Geld geht.“

Bei aller Enttäuschung, Frustration, Verzweiflung fast – nicht einmal Gabriele Werner würde behaupten, dass früher alles besser gewesen sei. In Halberstadt geboren, kam sie als Kleinkind in ein Heim. Die Situation der Familie war prekär, Alkohol im Spiel. Warum sie irgendwann nach Berlin umsiedeln musste, noch zu DDR-Zeiten, weiß Werner nicht mehr. Sie bekam einen Platz in der Einrichtung eines katholischen Schwesternordens. „Die waren da sehr streng“, erinnert sie sich. „Später bin ich dann in diese WG hier gezogen.“

Gabriele Werners WG organisiert sich selbst

Gabriele Werner sitzt im Vorraum zum Balkon, hat es sich auf einem Sofa bequem gemacht. Die Sonne kämpft sich durch die graue Wolkendecke, wirft ihre Strahlen zaghaft an die Wand, auf eine Tafel. Die Tagesordnung der nächsten WG-Sitzung hat eine der Bewohnerinnen darauf notiert. „Punkt 1: Vogelhaus Balkon“, steht da, „Punkt 2: Keller räumen“. Sie organisieren sich selbst, die sechs Frauen. Nachmittags unterstützt sie Stefanie Börstinghaus oder eine ihrer Kolleginnen. Bei Gabriele Werner schaut außerdem regelmäßig ein Pflegedienst nach dem Rechten.

Es geht ihr gut hier. Sie hat ihr eigenes Zimmer, kann sich zurückziehen. Manchmal gibt es Reibereien, doch die kommen schließlich in jeder WG mal vor, wenn die persönliche Krise einer Bewohnerin auf die anderen ausstrahlt. „Ich mag mich nicht streiten“, sagt Werner. Doch das ist nicht der Grund, warum sie ausziehen möchte: „Ich habe immer mit anderen Menschen zusammengewohnt. Ich will endlich für mich alleine leben.“

Eine junge Frau erscheint im Türrahmen. Stumm verfolgt sie das Gespräch, eine Milchtüte und eine Saftflasche mit den verschränkten Unterarmen vor den Bauch gepresst. Wie eine Erinnerung steht sie da, an einen Termin, eine Verabredung, vielleicht nebenan in dem Raum, in dem sie ihre Mahlzeiten einnehmen. Doch so schnell, wie sie aufgetaucht ist, verschwindet sie auch. Keine Geräusche auf dem Flur.

Wenn Gabriele Werner jetzt die Augen schließen würde, könnte sie sich vorstellen, in einem Apartment für sich zu sein. Ambulant betreutes Wohnen lautet der Fachbegriff für das, was sie vorhat. Sie würde alleine leben, sich selbst versorgen, aber weiter regelmäßig von einer Sozialarbeiterin und einer Pflegekraft besucht. Das wäre ein bedeutender Schritt, reale existierende Inklusion. Es gilt zudem als kostengünstige Variante der Betreuung. Wenn der Wohnungsmarkt mitspielt.

Das scheint nicht so zu sein, nicht in Berlin, nicht in diesem Fall, dem Fall einer 52 Jahre alten Frau mit geistiger Beeinträchtigung. Oder vielleicht doch? Vorgestern hat sich ein Vermieter bei Stefanie Börstinghaus gemeldet. Er habe ihre Bewerbung in die engere Wahl genommen, hieß es in der Mail. „Ich schaffe das“, sagt Gabriele Werner. Sie blinzelt, das Sonnenlicht. Für den Moment ist der Himmel frei von Wolken.