Als Sandra Zilliges ihrem Großvater vor eineinhalb Jahren erzählte, wo sie künftig arbeiten würde, stutzte er: Dort stehen mittlerweile Häuser? Der alte Mann, der Berlin schon als Kriegsstadt kannte, hatte nichts mitbekommen von der Bebauung der bekannten Bahnbrache zwischen Warschauer Brücke und Ostbahnhof.

Hier, wo vor genau zehn Jahren, am 10. September 2008, eine Veranstaltungshalle auf einer grünen Wiese eröffnete, umringen heute Neubauten die Mercedes-Benz-Arena. Ein Quartier ist gewachsen aus Büros und schicken Wohnungen, aus viel Glas und Stein. Weitere Hochhäuser sind im Bau oder in Planung. Leben allerdings herrscht hier bisher kaum.

Früher gab es keine Büroviertel

„Wir verlieren die Stadt“ – mit diesen Worten habe ihr Opa ihren neuen Arbeitsplatz kommentiert, erzählt Sandra Zilliges. Die 30-Jährige ist beim Modehändler Zalando beschäftigt, aus den großen Bürofenstern an der Mühlenstraße guckt sie direkt auf die Spree. Sie arbeitet gern hier, die Verkehrsanbindung ist gut, und zum Mittagessen überquert sie nur die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg. Dennoch versteht sie ihren Großvater. „Zu seiner Zeit gab es in Berlin noch keine Büroviertel.“

Gerade macht Sandra Zilliges mit zwei Kolleginnen Pause im Hof. Alles ist mit glatten Klinkersteinen gepflastert. Die grünen Zweige auf den Sitzinseln haben keine Chance gegen das allgegenwärtige Hellbeigegrau. Zwei Basketballkörbe hat die Firma aufgestellt, Mitarbeiter werfen sich darunter in wechselnder Besetzung den Ball zu. Ein kleines Vergnügen inmitten der eingemauerten Geschäftigkeit. „Früher habe ich in einem Industriegebiet gearbeitet“, sagt Sandra Zilliges Kollegin aus der Slowakei. „Dagegen ist dieses Viertel das blühende Leben.“

Am 13. Oktober wird der Mercedes-Platz eröffnet

Die Frauen sind gespannt, wie sich die Gegend verändert, wenn am 13. Oktober vor der Arena der Mercedes-Platz eröffnet wird. Durch den Bauzaun sind schon das Kinocenter, die Bowlinganlage, einige Bars, Restaurants und Hotels zu erkennen. Auch eine zweite, kleinere Konzerthalle ist Teil der Vergnügungsmeile nach amerikanischem Vorbild: Die Verti Music Hall fasst 4350 Zuschauer und lädt am 12. Oktober zum ersten Konzert von Sänger Jack White. Rund fünf Millionen Besucher im Jahr verspricht sich der US-Bauherr, die Anschutz Entertainment Gruppe, künftig in der Arena und auf dem Platz.

Bisher laufen durch die Hedwig-Wachenheim-Straße, die zwischen der Music Hall und dem Basketball-Hof verläuft, aber bloß Bauarbeiter und ein paar verirrte Touristen. Sie sehen die Spiegelfassaden, die Kräne und noch mehr Klinkerbüros, hinter deren Fenstern keine Mitarbeiter zu erkennen sind. Im Norden schiebt sich wie ein Ufo das neue Einkaufszentrum ins Bild, mit zackigen Querlinien und glänzenden Oberflächen. Hier entsteht bis Ende des Jahres Berlins 69. Mall, ein weiterer Tempel der Shopping-Monokultur.

Opposition ist verbittert

Arno Paulus und Johannes Riedner schütteln die Köpfe. „Man hätte hier einen Lebensraum schaffen können“, sagt Riedner. Verbitterung klingt mit, wenn der 63-Jährige über die Bürotürme rund um die Mehrzweckhalle spricht. Arno Paulus und Johannes Riedner wollten verhindern, dass sie entstehen. Sie gehören zur Initiative Mediaspree versenken, die vor zehn Jahren den Bürgerentscheid gegen die Bebauung des Spreeufers organisiert hat.

Obwohl im Frühjahr 2008, wenige Monate vor Eröffnung der Mehrzweckhalle, 87 Prozent der abstimmenden Friedrichshainer und Kreuzberger gegen die Baupläne zwischen Elsen- und Michaelbrücke votierten, ließen sich viele Projekte nicht mehr verhindern. Denn ihnen war vorher Baurecht eingeräumt worden.

"Glitzergroßstadt" Berlin

Die Pläne für das Gebiet entstanden um die Jahrtausendwende, „in einer Zeit, als der Senat dachte, wir machen auf Glitzergroßstadt“, beschreibt es Johannes Riedner, „als die große Koalition unter Eberhard Diepgen die Stadt verramscht hat.“ Ende der Neunziger verrotteten auf der Brache des ehemaligen Ostgüterbahnhofs Lagerschuppen, Gleise und eine Betonfabrik.

Die Anschutz- Entertainment-Gruppe erwarb das etwa 35 Fußballfelder große Areal 2001, drei Jahre später stimmte die Bezirksverordnetenversammlung dem Bebauungsplan mit Multifunktionshalle und Hochhausviertel zu. Die Würfel waren gefallen: Die Lücke zwischen dem Friedrichshainer Altbauviertel, dem Wildwuchs auf dem RAW-Gelände und dem multikulturellen Wrangelkiez würde ein Business-Distrikt füllen.

Arno Paulus erinnert sich nur noch schwammig an den 10. September 2008 – an den Tag, als drinnen 500 Künstler mit Musik und Tanz die neue Mehrzweckhalle eröffneten, während vor der Tür Hunderte schwarz gekleidete Sicherheitsleute die Demonstranten abhielten. Paulus war an diesem Tag nicht zur Arena gefahren, die damals unter dem Namen O2-World aufmachte.

Aktivistengeist geraubt

Er hatte nicht wie andere Hallen-Gegner Konfetti auf den blauen Teppich geworfen oder seinen Hintern vor den Kameras entblößt. Er hatte seine Schlacht an diesem Tag schon geschlagen, auf den Demos und in den Bezirksausschüssen in den Monaten zuvor. Während Klaus Wowereit im schwarzen Nadelstreifenanzug die Halle als „Schlüsselinvestition“ lobte, um mehr Großveranstaltungen in die Stadt zu ziehen, verbrachte Arno Paulus den Abend in seiner Erinnerung auf der Couch.

Heute hat sich der 67-Jährige etwas aus der Initiative zurückgezogen. Er streitet nicht mehr an vorderster Front, ist nach 40 Jahren aus Kreuzberg weggezogen. Es scheint, als hätte ihm jedes fertiggestellte Bauprojekt der vergangenen zehn Jahre etwas Aktivistengeist geraubt – vom Wohnturm Living Levels bis zum Einzug der 1 200 Mitarbeiter in die neue Vertriebszentrale von Mercedes-Benz. „Heute ist da keine Wut mehr“, sagt Paulus. „Sondern die Erkenntnis, dass man auch mit großem persönlichen Engagement nichts erreichen kann gegen Menschen, die die Taschen voll Geld haben.“

"Carefree Living" - ein Leben ohne Sorgen

Wahrscheinlich würde Arno Paulus auch die 26-jährige Valentina für so einen Menschen halten. Sie will nur ihren Vornamen nennen, vielleicht weil sie weiß, dass das Haus, in dem sie lebt, einigen ein Dorn im Auge ist. Die Fassade ist weiß verputzt, daran kleben viele kleine Glasbalkone in Reih und Glied. Der Siebengeschosser steht am westlichen Rand des Anschutz-Areals, nebenan sind die ersten Rohbaugeschosse der Hochhäuser Max und Moritz zu sehen.

„Mir war beim Einzug klar, dass ich mich für einen Neubau und gegen ein Kiezgefühl entscheide“, sagt die junge Frau. Sie genießt den schönen Spreeblick und die Ruhe am Abend, fühlt sich wohl in der modernen Einbauküche und an kalten Tagen mit der Fußbodenheizung. „Carefree Living“, nennt Valentina das, „Leben ohne Sorgen“. Auch die Hausgemeinschaft sei nett, „fast nur junge Leute, die viel unterwegs sind, sich beruflich auch oft verändern und wieder umziehen. Deswegen haben wir eine Facebook-Gruppe, wo wir uns austauschen, uns auch mal Werkzeug oder Salz leihen.“

Süddeutschen erscheinen die Kieze etwas heruntergekommen

Valentina arbeitet in der Start-up-Branche, „im Fitness- und Health-Bereich“. Knapp 900 Euro warm zahlt sie monatlich für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung, das entspricht 15 Euro pro Quadratmeter. In Zeiten, in denen Menschen beim Neubezug einer Wohnung im Schnitt mit Mieten von zehn Euro kalt rechnen müssen, erscheint das zwar viel – aber auch nicht absurd viel. „Ich habe gehört, in den anderen Häusern hier ist das Leben noch viel teurer.“ Im Living-Levels-Turm gegenüber an der Spree soll die teuerste Eigentumswohnung beim Erstbezug vor drei Jahren für 15.000 Euro pro Quadratmeter angeboten worden sein.

Einige Hundert Meter weiter, auf dem Platz vor der Mercedes-Benz-Arena, ist es Nachmittag geworden. Menschen sitzen auf dem Fußboden mit dem Rücken gegen die Hallenwand gelehnt. Es sind Fans. Sie warten seit Stunden, um einen Platz in der ersten Reihe im Konzert von Helene Fischer zu ergattern. Ein 29-Jähriger in einem „Atemlos“-Shirt erzählt, er sei mit zwei Kumpels aus Schwäbisch Hall angereist. Die Arena und die Hochhäuser findet er schön. „Modern und interessant“, sagt er. „Wer aus Süddeutschland kommt, dem erscheinen andere Berliner Viertel immer etwas heruntergekommen.“ Er spricht von Vierteln, die die Berliner, die dort wohnen, ihren Kiez nennen. Ob das hier jemals der Fall sein wird, ist fraglich.