Bundeskanzlerin Angela Merkel wird an diesem Freitag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprechen. Die Liste der Themen ist lang, aber die Gespräche werden nicht lange dauern. Es wird um Syrien und den Iran gehen, um Gasleitungen und die Frage der Sanktionen. Vielleicht auch um die merkwürdige Praktik, deutsche Journalisten für in Deutschland geschriebene Artikel vor ein russisches Gericht stellen zu wollen.

Jede einzelne dieser Fragen ist extrem heikel und alles ist jetzt eingebettet in die vom amerikanischen Präsidenten Trump neu definierten Koordinaten. Mit seinem Ausstieg aus dem Atomabkommen mit Iran hat er die Bedeutung Russlands vervielfacht. Jedenfalls für alle, die ein Interesse daran haben, dass Iran weiter von der Internationalen Atombehörde kontrolliert werden kann.

Was wird Russland für sein Entgegenkommen in dieser Frage verlangen? Wo wird Deutschland, wo wird Westeuropa nachgeben? Es wäre fatal, die nach der Annexion der Krim, nach den Übergriffen auf die Ostukraine verhängten Sanktionen gegen Russland zurückzufahren. Ebenso schlimm wäre es, beim Verlauf geplanter Pipelines die Interessen der Ukraine außer Acht zu lassen.

Als wichtige anerkannte internationale Macht

Aber wie katastrophal wäre es erst, wenn Russland ebenfalls aus dem Atomabkommen mit Iran ausstiege? Als Russland 2015 das Abkommen unterschrieb, war das die ersehnte Möglichkeit, nach und trotz der Annexion der Krim wieder als eine wichtige internationale Macht anerkannt zu werden. Jetzt spielt Russland auf diesem Schauplatz eine noch viel bedeutendere Rolle. Der Rückzug Trumps aus dem Atomabkommen hatte bereits den Radikalen im schiitischen Gottesstaat gut gefallen. Russlands Rückzug würde die derzeitige gemäßigte Regierung in Teheran verdrängen.

Was ist Europa, was ist Deutschland bereit, Russland zu zahlen? Für Leistungen, die keine sein werden. Denn es gibt nichts, das Russland tun könnte, das Putin auch tun möchte. Er ist innenpolitisch darauf angewiesen, auch außenpolitisch den Macker zu geben.
Man spricht in Deutschland gerne von dem friedlichen Charakter der russischen Bevölkerung.

Wenn es so ist, dann haben russische Regierungen darauf nur selten Rücksicht genommen. Sotschi, der südrussische Ort – er liegt auf demselben Breitengrad wie Nizza –, in dem sich heute Merkel und Putin treffen, gehört erst seit 1829 zu Russland. Sehr widerstrebend. Der Kaukasuskrieg endete erst im Jahr 1864. Und wie wir inzwischen lernen durften: nicht endgültig.

3,4 Prozent des Welt-BIP

Das Russland Putins ist kein friedliebender Staat. Putins Trumpfkarte ist das Militär. Die Wirtschaftskraft des größten Flächenstaates der Erde, der vorgeblichen Weltmacht Russland , ist kaum größer als die Afrikas. Gerade mal 3,4 Prozent des Welt-BIP entfallen auf Süd-Osteuropa und die ehemaligen Mitgliedsstaaten der Sowjetunion.

Das ist das Ergebnis des putinschen Entwicklungsmodells. Er steht ganz in der sowjetischen Tradition und baut auf Rohstoffe, Energie und Militär, statt auf Neue Technologien. Das macht Putins Russland immer stärker abhängig von den anderen.

Längst nicht mehr nur vom Westen, sondern auch vom verachteten China oder gar von Finnland (Nokia). Es wäre etwas ganz und gar Neues, würde Putin darauf vernünftig reagieren und Russland den Weg in die Industrie 4.0 ebnen. Bisher ging er stets in die andere Richtung. Er stärkte die Muskelkraft des Staates statt dessen Intelligenz. China ist einen ganz anderen Weg gegangen. Es ist bei weitem erfolgreicher.

Kein Trost

Russland ist nicht nur ökonomisch schwach. Es ist für niemanden auf der Welt mehr ein Modell. Keiner strebt ihm heute noch nach. Das ist kein Trost. Denn es macht Putin nur gefährlicher. Punkten kann er nur in überraschenden Blitzkriegen.

Lange, zermürbende Auseinandersetzungen – ganz gleich wo sie stattfinden – treiben, tritt man ihnen nur energisch genug entgegen, Russland an den Rand seiner Kräfte, wie es der Sowjetunion mit Afghanistan ging. Die eigentliche Kunst bestände freilich darin, Putin auf den friedlichen Pfad einer wirtschaftlichen Entwicklung Russlands zu bringen.