Andreas Scheucher hat einen Flug von Graz nach Berlin gebucht, für zwei Nächte eine Wohnung in Charlottenburg über AirBnB reserviert und jetzt steht er im Foyer des Ludwig-Erhard-Hauses und schaut sich um. Wird eine der rund fünfzig Schulen, die am Sonnabend im IHK-Gebäude um künftige Kollegen werben, womöglich nach den Sommerferien sein neuer Arbeitsplatz?

Scheucher ist einer von rund dreihundert Besuchern des Berlin-Tages, den die Senatsschulverwaltung organisiert, um über das hiesige Schulsystem und die Lebensbedingungen zu informieren. „Kommen Sie in unsere tolle Stadt“, sagt die zuständige Senatorin Sandra Scheeres (SPD) und lobt Berlin gleichermaßen für die gute Versorgung mit Kita-Plätzen und ein aufregendes Nachtleben.

Höchste Gehaltsstufe gleich mit der Einstellung

Die Besucher interessieren sich für die 1 400 Stellen, die in diesem Jahr zu besetzen sind. Sie kommen aus Bayern, aus Griechenland und Spanien, vor allem aber aus Österreich, wo Berlin eine große Werbekampagne gestartet hat. Manche sind Quereinsteiger, andere Berufsanfänger oder Gymnasiallehrer, die sich einen Wechsel nach Berlin vorstellen können. So wie Andreas Scheucher.

Der 32-Jährige unterrichtet an einem Gymnasium in Graz Deutsch und Englisch, als Vertretungslehrer, sein Vertrag läuft in diesem Sommer ab. Als er die Anzeige der Berliner Schulverwaltung in der Zeitung sah, war er sofort interessiert. Er schickte im März seine Zeugnisse ein und wartet auf die Anerkennung.

Für viele Österreicher ist das Angebot, nach Berlin zu kommen, attraktiv, denn das Einstiegsgehalt für Grundschullehrer in Berlin ist mit rund 4 500 Euro doppelt so hoch wie in Österreich. Um mit anderen Bundesländern, die ihre Lehrer verbeamten, konkurrenzfähig zu bleiben, zahlt Berlin gleich mit der Einstellung die höchste Gehaltsstufe. „Auf das Geld kommt es mir nicht an“, versichert der Österreicher Scheucher. Ihm sei eher die Lebensqualität der Stadt wichtig.

Er kennt Berlin recht gut von früheren Besuchen, er war schon im Fußballstadion bei Union und auf dem Tempelhofer Feld. Er hat einen kleinen Hund und schwärmt davon, wie hundefreundlich die Stadt sei. Auch seine Freundin würde wohl in Berlin schnell Arbeit finden. Klingt fast perfekt, trotzdem wirkt Scheucher im Foyer des IHK-Gebäudes ein wenig enttäuscht. Er würde am liebsten wie in Graz an einem Gymnasium arbeiten. Doch im IHK-Gebäude stellen sich fast nur Grundschulen und Oberstufenzentren vor. „Ich habe nur ein Gymnasium entdeckt“, sagt Scheucher.

„Nicht überall in Kreuzberg ist es gefährlich“

Als er von seiner Bewerbung in der deutschen Hauptstadt erzählt hat, haben einige Freunde schon überrascht reagiert, sagt er. „Traust du dir das zu, vor einer Klasse in Kreuzberg zu stehen?“, fragte der Mitbewohner. Scheucher lächelt. Er weiß schon, dass es sehr auf die Schule ankommt, in der man arbeitet. „Nicht überall in Kreuzberg ist es gefährlich.“ Er macht sich eher Sorgen, ob er mit seinem Dialekt verstanden würde.

Und ob seine Zeugnisse rechtzeitig anerkannt werden. Falls es in Berlin doch nicht klappen werde, dann könne er auch in Graz bleiben, sagt er. Dann steht er auf, steckt einen Stapel Flyer ein und eilt zum nächsten Stand. Vielleicht findet er doch eine Grundschule, die zu ihm passt. Unter Umständen, sagt er, könnte er sich vorstellen, fünfte und sechste Klassen zu unterrichten.

Wer bereit ist, an Grundschulen zu arbeiten, kann sofort einen Arbeitsvertrag bekommen. Julia Gayagoy, gebürtige Berlinerin, unterrichtet in Ansbach in Bayern Deutsch und Geografie, will aber zurück nach Hause. Sie schwärmt von guten Gesprächen und offener Atmosphäre, ihr wurden gleich mehrere Stellen angeboten. Auch Elke Dreyer, die demnächst die Elisabeth-Christinen-Grundschule in Pankow leitet, ist begeistert. Zwei Stellen hat sie zu besetzen. „Ich habe die Bewerber gefunden, die ich gesucht habe.“