Um 9.48 Uhr gingen am Donnerstag mehrere Notrufe bei der Polizei ein. Ein offensichtlich verwirrter Mann bedrohe Passanten an der Spandauer Heer-, Ecke Pichelsdorfer Straße mit einem Messer, berichteten die Anrufer. Da war die Polizei aber schon auf dem Weg zu Rafik Mohamad Y. Denn der 41-Jährige hatte seine elektronische Fußfessel abgelegt – was Alarm ausgelöst hatte. Rafik Mohamad Y. galt als hochgefährlicher Islamist.

Als der erste Streifenwagen kam, versuchten eine Polizistin und ein Polizist, den Mann zu beruhigen. Laut Polizei ging er sofort mit einem Klappmesser auf eine 44-jährige Polizistin los. Die Beamtin, die eine Schutzweste trug, wurde von dem Messer in den Hals-Schulter-Bereich getroffen. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler schoss der 36-jährige Polizist auf den Mann, um seine Kollegin zu schützen.

Der Täter wandte sich daraufhin ihm zu, woraufhin der Polizist drei weitere Mal schoss und den Angreifer tödlich traf. Allerdings traf er auch seine Kollegin, weil sie zur Seite trat und ihm in die Feuerlinie lief. Das Projektil traf die Frau seitlich zwischen den Klettverschlüssen der Schussweste ins Becken.

Handeln aus religiöser Motivation nicht ausgeschlossen

Die verletzte Polizistin kam mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus. Der Täter starb trotz Reanimation am Tatort. Die 5. Mordkommission übernahm die Ermittlungen, wie es nach Schüssen von Polizisten üblich ist. Der 36-jährige Beamte, der nach Informationen der Berliner Zeitung im März von der Bundespolizei zur Berliner Polizei gewechselt war, stand zunächst unter Schock. Inzwischen hat er mit seiner verletzten Kollegin telefoniert. Sie wisse, dass sie angegriffen wurde und er sie beschützen wollte, berichten Kollegen. Auch Innensenator Frank Henkel (CDU) sagte in der RBB-Abendschau: „Er hat ihr sehr wahrscheinlich das Leben gerettet.“

Die Ermittler schließen nicht aus, dass Rafik Mohamad Y. aus religiösen Motiven handelte. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden Beamte Propagandamaterial. Weil er 2004 ein Attentat auf den damaligen irakischen Ministerpräsidenten geplant hatte, saß er bis 2013 im Gefängnis. Danach wurde er vom Bundeskriminalamt weiter als „islamistischer Gefährder“ eingestuft und galt als hoch aggressiv. Erst vor Kurzem soll er in einer Gerichtsverhandlung eine Richterin bedroht haben.

Als er aus dem Gefängnis kam, wollte er in seinen früheren Wohnort Neukölln zurückziehen, wo er allerdings keine Bleibe fand. Er bezog ein Wohnheim nahe der Altstadt Spandau. Weiterhin soll er in der dschihadistischen Szene aktiv gewesen sein.

Die Stuttgarter Richter hatten ihn unter sogenannte Führungsaufsicht gestellt: Er musste eine elektronische Fußfessel tragen, die die Polizei über seinen Aufenthaltsort informierte. Außerdem observierten ihn Polizisten. Jeden Montag zwischen 10 und 12 Uhr musste er sich nach Angaben von Beamten bei der Polizei melden. „Er wurde durch die Sicherheitsbehörden intensiv betreut“, so Innensenator Henkel. Im vergangenen Jahr hatte er die Fußfessel schon einmal entfernt, um zu testen, wie lange die Polizei zu ihm braucht. Auch am Donnerstag half die Fußfessel nicht viel.