Berlin - Wieder einmal war die Polizei da. Meist kommen die Polizisten wegen vergleichsweise harmlosen Dingen, etwa wenn es mal eine Schlägerei gab oder ein Drogendelikt. Doch in der Nacht zum Donnerstag war in der von Flüchtlingen bewohnten ehemaligen Schule an der Ohlauer Straße in Kreuzberg Großeinsatz. Eine Mordkommission ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdeliktes.

Kurz nach Mitternacht hatte es in der ehemaligen Turnhalle auf dem Gelände Streit zwischen drei Männern von der Elfenbeinküste gegeben. Der 20-jährige Amidou O. bekam zwei Messerstiche in den Rücken. Ein Stich verletzte die Lunge. Die Täter flüchteten, das Opfer kam ins Krankenhaus. Nach der Tat umstellte eine Einsatzhundertschaft der Polizei das Schulgelände. Ein Spezialeinsatzkommando durchsuchte die Turnhalle, die von den Bewohnern als „Meeting Point“ genutzt wird. Während des Einsatzes kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den zum Teil aus Afrika stammenden Bewohnern und Polizisten, die als „Nazis“ beschimpft wurden. Die Beamten suchten das Gelände stundenlang vergeblich nach der Tatwaffe ab.

Die Ursache für den blutigen Streit ist noch ungeklärt. Flüchtlinge und Unterstützer sagen, dass Amidou O. zu einer kleinen Gruppe von Leuten gehöre, die immer wieder Ärger machen würden. „Er und die anderen sind ständig unter Drogen, trinken massenhaft Alkohol und verticken Drogen im Görlitzer Park“, behauptet Claude, ein aus Martinique stammender Reggae-Musiker, der seit vielen Jahren in Berlin lebt und von sich sagt, dass er die Flüchtlinge betreue. „Amidou kriegt hier ständig auf die Fresse, weil er sich daneben benimmt.“

Offenbar wohnt Amidou O., der in einer Flüchtlingsunterkunft in Hannover gemeldet sein soll, nur manchmal in Kreuzberg. Mal ist er eine Weile da, dann über Tage verschwunden. An der Ohlauer Straße herrscht ständiges Kommen und Gehen. Bei der Polizei ist Amidou bekannt. Gegen ihn liefen Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung, Bedrohung und Drogendelikten. Ihn und andere aus der Flüchtlingsunterkunft sehen Fahnder nach eigenen Angaben des öfteren zusammen mit anderen Drogendealern im Görlitzer Park.

Katastrophale Zustände

Die Schule wurde vor rund einem Jahr durch das Bezirksamt für Flüchtlinge als Notunterkunft zur Verfügung gestellt. Darin hausen nach Angaben von Unterstützern der Flüchtlinge 400 Menschen. Der Bezirk spricht von 200. Die Zustände in dem Haus sind katastrophal. Es gibt zwei Duschen mit kaltem Wasser, die Toiletten sind verdreckt, auf den Fluren liegen Berge von Unrat, Fensterscheiben sind eingeschlagen. Zehn Menschen schlafen auf Matratzen auf den Zimmerböden. In der Aula im obersten Stock campieren rund 50 Leute. Einige haben in dem Saal Zelte aufgestellt, um so etwas wie Intimsphäre zu haben.

Zelte und Matratzenlager gibt es auch auf den Fluren. Eine Etage ist Roma-Familien vorbehalten. Auch Obdachlose leben hier. Rafik, 57 Jahre alt, schläft auf einer Matratze. Bis vor einem Jahr wohnte er in der nahe gelegenen Reichenberger Straße. Dann habe er seine Wohnung verloren, weil das Jobcenter Schwierigkeiten machte, sagt er. Er spricht französisch und deutsch und sagt, dass er hier helfe, zum Beispiel sauber mache. Er berichtet von Konflikten unter den Bewohnern. „Manche Leute trinken hier zu viel.“

Der Psychologiestudent Marius gehört zu den Unterstützern der Bewohner. Er hofft, dass durch den Gewaltvorfall am Donnerstag „jetzt nicht das ganze Haus kriminalisiert wird“. Einige seien durch Kriegserlebnisse traumatisiert. „Wir versuchen seit Monaten beim Bezirk eine sozialtherapeutische Unterstützung für sie zu bekommen und wir kriegen sie einfach nicht.“ Die Stimmung unter den Bewohnern sei gereizt, auch durch das Arbeitsverbot und das Verdammtsein zur Untätigkeit. „Die Nerven liegen bei den Leuten blank“, sagt Marius. Von der Idee, die Flüchtlinge in sauberen Unterkünften mit fließendem Wasser und ordentlichen Betten einzuquartieren, hält zumindest Marius nichts: "Die Leute wollen nicht in irgendein Lager gesteckt werden. Sie wollen hier bleiben oder Wohnung haben."

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