Die erste Begegnung mit der Band verwirrt den unkundigen Besucher. Okay, dass in der noch recht unbekannten Berliner Metal-Band Gentrification eine Frau mitspielt, das sieht man auf dem Bandfoto. Lena Winkel ist eine sympathische 28-Jährige, eine Kommunikationsdesignerin mit klarer hoher Stimme.

Lena Winkel ist Sängerin der Band, und wenn sie am Mikro steht, dann grölt, krächzt, brüllt und röhrt sie wie ein Raubtier. Dass solche tierischen Laute aus der Kehle einer Frau kommen, daran muss man sich erstmal gewöhnen. „Das Grölen kann man lernen“, sagt Lena Winkel. Es ist Kehlgesang, Musiker nennen es Growling. Lena Winkel hat es in Finnland gelernt.

Saufen nicht die ganze Nacht

Wer die Band Gentrification näher kennenlernt, wundert sich nicht mehr, dass eine Frau an ihrer Spitze steht. Denn die fünf Musiker machen alles anders, nichts passt ins gewohnte Bild einer Gruppe grölender Hardrocker. „Wir sind nicht böse und wir saufen nicht die ganze Nacht“, sagt Schlagzeuger Michael Gückel.

Das Anderssein fängt ja schon beim Bandnamen an. Gentrification, das ist dieses Wort, dass die Aufwertung ganzer Stadtviertel beschreibt, den sozialen Wandel, die steigenden Mieten und den zwangsweisen Wegzug der Alteingesessenen, denen ihre Wohnung zu teuer geworden sind. „Wir sind selbst Teil dieser Veränderung“, sagt Michael Gückel, 31.

Vor sechs Jahren zog Gückel von Oberfranken nach Berlin, nach Prenzlauer Berg. Er sagt, der Wandel komme nicht von Ungefähr, er lasse sich nicht aufhalten, nur mitgestalten. „Damit wollen wir uns auseinandersetzen“, sagt er. „Part of the Process“ heißt der Titel der Band zum Thema Gentrification. Different Shades of Gentrification, States of Transformation, lautet der Refrain. Michael Gückel sagt, die Fans erwarteten, dass die Band gegen Verdrängung und gegen hohe Mieten sei. „Aber nur dagegen zu sein, das wäre zu kurzsichtig gedacht.“

Die Band gibt es seit Ende 2008. 2010 kam Lena Winkel hinzu und bestimmte fortan mit selbst geschriebenen Songs über Emanzipation, Cyberterrorismus, Kapitalismus- und Konsumkritik die politische Ausrichtung der Band.

Mit Ablehnung rechnen

Doch wer sich so sozialkritisch und politisch positioniert, muss mit Ablehnung rechnen. Die Band wurde kritisiert, „untrue“ zu sein, also nicht glaubwürdig. Veranstalter luden Gentrification nicht zu Konzerten ein, andere Musiker wollten sie nicht als echte Metal-Band akzeptieren. „Wir wurden mit Ignoranz belohnt“, sagt Lena Winkel. Doch das müsse man einstecken. Und Fans haben sie trotzdem. Derzeit spielt die Band in kleinen Clubs, Stress und Debatten gibt es dort nicht. „Bei Konzerten steht die Musik im Vordergrund“, sagt Michael Gückel. Und beim Growling versteht sowieso keiner den Text.

Zum Jahresende will Gentrification ihr Debüt-Album veröffentlichen. Und natürlich haben die Musiker auch hierfür hohe Ansprüche, diesmal sind es ökologische. „Wir thematisieren in unseren Texten die Ausbeutung von Ressourcen und die Zerstörung von Lebensraum“, sagt Lena Winkel. Deshalb soll es die CD in Eigenproduktion ohne die übliche Plastikhülle geben, sondern in umweltfreundlichem Papier, illustriert mit Öko-Farben. Nur die CD selbst erscheint traditionell aus Kunststoff, eine Alternative ist für die Band derzeit noch zu teuer. Das sei ein realistischer Kompromiss, sagt Lena Winkel.

Für ihr Öko-Metal-Album haben die Musiker im Internet Geld gesammelt, denn die Kosten einer umweltfreundlich produzierten CD sind etwa 400 Euro teurer als in traditioneller Herstellungsweise. 575 Euro spendeten Unterstützer in einer Online-Sammelaktion. Zehn Prozent dieser Summe spendet die Band an ein UN-Projekt für syrische Flüchtlinge.

Ist das nicht zu viel der politischen Korrektheit? „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir dürfen alles ganz anders machen als es andere Bands tun“, sagt Lena Winkel.

Für ihre Unterstützer haben sich die Musiker eine Überraschung in der Vorweihnachtszeit ausgedacht. Die Band hat vergangene Woche Gentrifi-Kekse gebacken. Die verschickt sie nun. Als Dank an die Spender gab es auch noch das Angebot, mit ihnen ein Café in Prenzlauer Berg zu besuchen und dort koffeinfreien Soja-Latte Macchiato mit Rohrzucker zu trinken, über steigende Mieten und die sterbende Subkultur zu reden. Die Musiker lachen, als sie sich diese Szene vorstellen. „Der Bandname kann auch Spaß machen“, sagt Lena Winkel und die Männer nicken. So klingt Aufwertung.