Das ultimative Szenario droht am 17. Februar. Ein Montag. Wenn bis dahin kein Wunder geschieht – und Berlins Senatsverwaltung für Kultur nichts unternimmt – wird Punkt neun Uhr der Gerichtsvollzieher erscheinen auf dem Grundstück Richterstraße 6 in Bohnsdorf. Er ist mit der Zwangsräumung eines Skulpturengartens beauftragt vom Grundstücksbesitzer, der Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892.

Hier, auf einem ehemaligen preußischen Vierseithof in dem Treptower Ortsteil, hatte der Berliner Metallbildhauer Fritz Kühn (1910–1967), dieser experimentelle Universalist der Nachkriegsmoderne und Fotograf der Neuen Sachlichkeit, ein Metallkunst-Refugium gegründet. An diesem Ort steht die weltweit – auch als Ausbildungsinstanz – geschätzte Kunstschmiede- und Metallbildhauer-Werkstatt im Geiste Fritz Kühns. Hier arbeiten sein Sohn Achim, sein Enkel Tobias und Schwiegertochter Helgard Kühn, die unermüdliche Organisatorin und Hüterin des Nachlasses, für den Familie und Freunde 2003 die Fritz-Kühn-Gesellschaft gründeten: Mit großen Plänen für den hier noch unwürdig lagernden riesigen Nachlass des berühmten Ost-Berliner Metallzauberers. Gebaut werden sollte ein schlichtes museales Haus für seine Werke – und für Berliner und Berlin-Besucher. Und davor sollte der Skulpturengarten neu gestaltet werden.

Seither versuchte die Fritz-Kühn-Gesellschaft, das Land Berlin für diesen Plan zu gewinnen. 20 Prozent der Bausumme kann die Kühn-Gesellschaft tragen; 300 000 Euro hat sie bereitgestellt. Aber das Vereinsgesetz erlaubt nur, dass mit diesem Geld gebaut, nicht aber das Grundstück erworben werden darf. Also beantragte die Gesellschaft seit Jahren Mittel des Landes für den Grundstückskauf. Die Senatskulturverwaltung machte ihr auch jahrelang Hoffnung. Kürzlich aber teilte das Land der Kühn-Gesellschaft „mit Bedauern“ mit, der Nachlass könne keine museale Objektförderung erhalten, so sehr die Kulturpolitik dies über lange Zeit befürwortet habe. Auch die Stiftung Klassenlotterie Berlin lehnte ab. Und der Bezirk Treptow-Köpenick ist bislang in die Suche nach Geld gar nicht einbezogen.

Und jetzt bleibt kaum mehr Zeit, die Zwangsräumung zu verhindern. Am Montag lehnten im Kulturausschuss des Abgeordnetenhaus SPD- wie CDU-Fraktion den Antrag der Linken und der Grünen ab, über den Fall Kühn überhaupt zu beraten und eine dringliche Lösung zu finden. Anderes war wichtiger auf der Tagesordnung. Wichtiger als Nationales Kulturgut des Landes Berlin also. Fritz Kühns Nachlass war 1983 in diesen Rang erhoben worden. Den Ausschlag für die künstlerische Wertschätzung gibt bis heute sein reduzierter Avantgarde-Stil, der nicht ins Dogma des stalinistischen „Sozialistischen Realismus“ passte. In 50 Städten der alten Bundesrepublik – in Kirchen, Museen, auf Plätzen – stehen Kühns Skulpturen. Der Pariser Louvre ehrte ihn 1969 mit einer Retrospektive. Nach Kühn ist auch eine Treptower Schule benannt. Im Stadtbild erinnern an ihn unter anderem sein Brunnen auf dem Strausberger Platz, das Portal der Berliner Stadtbibliothek an der Breite Straße in Mitte, wo zum ersten Mal in der Metallkunst weltweit überhaupt von Kühn bei einem Experiment die einzigartigen Anlassfarben erzielt wurden.

Das Werkstatt-Areal gehört den Erben Kühns seit den 1950er-Jahren. Das angrenzende Grundstück von 6 000 Quadratmetern – der bislang gepachtete Skulpturengarten mit wertvollen Kunstwerken von Kühn sowie nach 1945 aus den Trümmern geretteten Fundstücken der Schmiedekunst, auch aus dem gesprengten Stadtschloss – gehört der Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1897. Und die will verkaufen: für 790 000 Euro.

Ein extremer Preis für eine ehemalige Pferdekoppel, von der 60 Prozent „Erholungsfläche“ und nur 40 Prozent Bauland sind. Genossenschafts-Vorstand Thorsten Schmitt bestätigte, man habe den Kühns ein notarielles Kaufangebot gemacht. Aber kaufen, möglichst zu einem reellen Preis, könnten nur das Land Berlin – oder ein Sponsor. Und der ist nicht in Sicht. Rasch handeln müsste der Senat, der aber wegen klammer Kassen ablehnt. Dabei könnte er einen Finanzierungsantrag beim Bund stellen. Mehrere vergleichbare Museen wurden seit 1991 durch derartige Ko-Finanzierungen über Bundes-, Landes- und Privatmittel realisiert, etwa das Hedwig-Bollhagen-Museum in Brandenburg.

Die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters schrieb an Familie Kühn, sie wisse, wie wichtig der Erhalt des nationales Kunsterbes von Fritz Kühn sei. Berlin stehe in der Pflicht. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit schrieb an die Kühn-Gesellschaft, dass ihm der Wert des Nachlasses und die bedrohliche Situation bewusst seien – der Senat jedoch den Nachlass nicht übernehmen könne. Man würde aber gern mitwirken (zu Lasten und Kosten der Familie!), eine Unterstellmöglichkeit für den Nachlass zu finden.

Kommt es zur Zwangsräumung, landen die Skulpturen irgendwo auf einem großen Haufen – degradiert zu Schrott. Ein Fest für Metalldiebe. Auch Angebote von Kunstfreunden, die Skulpturen zunächst bei sich aufzustellen, bieten kaum die echte Lösung gegen soviel unverzeihliches Desinteresse. Es ist leider eine bittere Erfahrung, den sogenannten Fortschritt betreffend: Gewinn wird bezahlt mit Verlust, Neues mit Altem, Erkenntnis mit Desillusion.

http://fritz-kuehn-gesellschaft.de/