Die meisten Amerikanerinnen, die ich kenne, haben mit Wut und Ärger auf die Anhörung einer der Frauen, die den Supreme-Court-Kandidaten Brett Kavanaugh der sexuellen Belästigung bezichtigen, vor dem US-Justizausschuss reagiert. Die Zeugenaussage der gebildeten und artikulierten Psychologieprofessorin, die sich an einen traumatischen Abend mit Kavanaugh als Jugendliche erinnerte, hat die Metoo-Debatte erneut aufflammen lassen.

Fluten von Memes, Zitaten und Statistiken zum in Amerika immer noch unerschütterlich herrschenden Patriarchat jagten durch die sozialen Netzwerke. Facebook-Profile wurden schwarz gefärbt, um Solidarität auszudrücken, Aktionen wurden ins Leben gerufen.

Nur zwölf Prozent der größten deutschen Firmen von Frauen geleitet

Bei meinen deutschen Freunden war die Resonanz allerdings eher gering. Nicht, dass sie nicht auch ihre Meinungen zu der Debatte in Amerika gehabt hätten. Aber wie ich bereits während der ersten Metoo-Welle vor einem Jahr beobachtet hatte, löst das Thema bei deutschen Frauen einfach nicht das gleiche Echo aus.

Das überrascht mich deshalb, weil auch in Deutschland immer noch viel zu wenige Frauen an den entscheidenden Konferenztischen in Unternehmen sitzen. Obwohl dieses Land von einer Frau regiert wird, werden nur 12 Prozent der größten deutschen Firmen von Frauen geführt. Dies ist wenig im Vergleich zu den USA, wo dies laut der Albright-Stiftung auf fast 25 Prozent zutrifft.

Sind deutsche Männer weniger sexistisch?

In den USA geht Erfolg in der Karriere bei Männern oft mit unangebrachtem Verhalten einher, und wir Frauen haben das lange „akzeptiert“. Sind deutsche Männer wirklich weniger sexistisch als amerikanische, oder haben Frauen hierzulande einfach andere Erwartungen an männliches Verhalten? Eine interessante Studie von you.gov ermittelte 2017, dass die Auffassungen zum Thema sexuelle Belästigung kulturell differieren.

Nur 35 Prozent der Deutschen finden, dass sexuell anrüchige Witze Belästigung sind. Und nur 44 Prozent der Deutschen halten es für eine sexuelle Belästigung, wenn man seinen Arm um die Taille einer Frau legt. Eine Schlagzeile im Frühjahr hinterfragte die Metoo-Debatte mit dem Slogan: Skandal oder Prüderie? Dieser Aufmacher erinnerte mich an eines der häufigsten Klischees, die ich von Deutschen über Amerikaner gehört habe: Wir, die Amerikaner, sind prüde.

Fehlender Antrieb Problem öffentlich sichtbar zu machen

Eine meiner ersten Erinnerungen an die Berliner U-Bahn ist eine nackte Frau, die mich morgens von der Rückseite einer Boulevardzeitung anstarrte. Manche dieser barbusigen Models wurden sogar zu der Ehre, als Fotoobjekt ausgewählt worden zu sein, interviewt. Selbst die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder, damals eine der jüngsten Politikerinnen in der CDU, war der Meinung, dass Metoo zu weit ging. Bis heute habe ich von Angela Merkel keine Aussage zu Metoo gehört.

Aber für amerikanische Frauen steht viel auf dem Spiel: Unser Oberster Gerichtshof ist mit neun Richtern besetzt, die auf Lebenszeit ernannt werden. Wichtige Rechte wie das auf legale Abtreibung können von konservativen Richtern wie Kavanaugh auf Sicht von Jahrzehnten eingeschränkt werden. Ich bezweifle, dass deutsche Frauen weniger sexuell belästigt werden. Der Antrieb, Namen zu nennen und das Problem für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen, scheint aber noch zu fehlen.