Es ist ein kleines Büro, das den Mitarbeitern des neuen Verlags im vierten Stock des Aufbauhauses am Kreuzberger Moritzplatz zugestanden wurde. Immerhin hat es eine hübsche Aussicht. Durch die vollverglaste Front blickt man auf die Prinzessinnengärten. In dem Büro sitzen Thorsten Schulte, Bärbel Brands und Peter Graf. Sie sind verantwortlich für das Programm von Metrolit, wie der kleine Verlag heißt, und möchten alles anders machen. Neu, besser, moderner, zielgruppenorientierter.

In diesen Zeiten einen Verlag zu gründen, mag zunächst ziemlich waghalsig erscheinen. „Der Buchmarkt ist mehr oder weniger zentralisiert und monopolisiert. Doch das bietet Chancen für Neues – im Handel und in der Verlagslandschaft“, erklärt Thorsten Schulte, der Verantwortliche für den Sachbuchbereich, das Konzept. Sein Kollege Peter Graf ist optimistisch, ein Lebensgefühl zu bedienen: „Natürlich gibt es schwierige Marktbedingungen. Aber Bücher haben immer noch einen unheimlich hohen Stellenwert.“ Er ist mit seinem Verlag Walde und Graf einer der drei Teilhaber des kleinen Unternehmens. Die anderen sind der Chef des Aufbau-Verlags Matthias Koch und der Radiosender „Flux FM“.

Eine ungewöhnliche Konstellation, doch für Mona Rübsamen, die Geschäftsführerin des Senders, ist der Einstieg beim Verlag ein logischer Schritt hinsichtlich des Selbstbildes und der Senderpolitik: „Wir glauben an die Zukunft des Lesens. Bücher sind seit Sendestart ein zentraler Programmbestandteil, und uns liegen viele Themen am Herzen, denen wir im Radio einen derart umfänglichen Platz wie in einem Buch nicht einräumen können“, sagt Rübsamen.

18 Bücher im ersten Halbjahr 2013

Offiziell gegründet wurde der Verlag im Mai vergangenen Jahres, die Vorbereitungen liefen davor schon ein paar Monate. Das Team besteht aus sechs Leuten. Einem Geschäftsführer, drei Programmmachern, einem Marketingbeauftragten und einer Pressesprecherin. Die restlichen Aufgaben wie Vertrieb und Buchhaltung werden vom Mutterverlag übernommen.

Dieser Umstand macht auch das umfangreiche Startprogramm möglich. Gleich mit 18 Büchern geht der Verlag ins erste Halbjahr 2013. Normalerweise macht ein junger Verlag etwa sechs bis zehn Titel pro Jahr. Bei Metrolit will man auf etwa 40 im ersten Jahr kommen. Man wolle sich nicht als Kleinverlag positionieren, sagt Bärbel Brands. Hierbei geht es vor allem um die Profilschärfung. Mit mehreren Titeln pro Programmbereich werde besser nachvollziehbar, welche Akzente man setzen möchte, als wenn man einen Titel pro Sparte und Jahr bringen würde, erklärt Peter Graf.

Für Metrolit gilt es, die richtigen Leute anzusprechen. Dazu gehört auch der einfache, aber unklare Verlagsname. Er klingt ein bisschen nach Stadtleben, nach Hipness, nach Literatur. Die Assoziationskette ist endlos und Absicht. Die Zielgruppe ist nicht durch ein bestimmtes Alter definiert. Man versuche Leute anzusprechen, die hedonistisch veranlagt sind, aber ein klares Bewusstsein für Ökonomie, Ökologie und Politik haben.

Ein Programm für so ein Publikum zu erstellen, ist eine Gratwanderung. Allein aus ökonomischen Gründen kann man nicht immer nur Avantgarde sein. Gleichzeitig darf man nicht den Eindruck erwecken, in den Mainstream abgerutscht zu sein. Die Verlagsmacher begegnen dem Umstand relativ pragmatisch. „Wir sind kein Subkulturverlag, interessieren uns aber für Themen die in der Subkultur entstehen und wollen ihnen helfen, populär zu werden“, sagt Thorsten Schulte. „Wir wollen keine Bücher für den Distinktionsgewinn von wenigen machen, sondern mehr Leute unterhalten.“

Deshalb versuche man sich auch breit aufzustellen. Graphic Novels wie Helmut Wietz’ „Der Tod von Adorno“ oder Popliteraturklassiker wie Colin MacInnes „Absolute Beginners“ sind ebenso im Verlags-Programm vertreten wie „Das ist nicht wahr, oder?“ von der US-Bloggerin Jenny Lawson. Auch die etwas seltsame und wahrscheinlich wenig massentaugliche Gebrauchsanleitung „Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen“ von David Rees hat es ins Programm geschafft. „Was wir nicht wollen, ist eine permanente Selbstbespiegelung der Zielgruppe“, sagt Bärbel Brands.

Suche nach dem kulturaffinen Großstädter

Man geht dahin, wo man den kulturaffinen Großstädter vermutet. „Wir können uns nicht auf den klassischen Vertrieb verlassen, sondern brauchen die direkte Kommunikation mit den Lesern“, sagt Bärbel Brands . „Da nutzen wir aber das, was andere auch nutzen. Social Media ist natürlich wichtig. Aber auch Veranstaltungen.“ Besonders stolz sind die Verleger auf das Verlagsmagazin, das nicht nur die Titel für die Buchhändler präsentiert, sondern Textbeiträge zu den einzelnen Werken liefert.

Auf der Buchmesse in Leipzig Mitte März will der Verlag sich nicht nur einem größeren Publikum präsentieren. In einem Buchladen will man jeden Tag auch Programm machen, Lesungen, Musikprogramm, Ausstellungen. Das dürfte dem angestrebten hedonistischen Leser gefallen. Die Bücher sollen so zum Kunden gebracht werden. Direkte Kommunikation statt unnahbares Geschäftsgebaren.

„Dem Zeitgeist wollen wir nicht hinterherrennen“, sagt Peter Graf, und man möchte es ihm glauben. Doch gleichzeitig stellt sich die Frage nach der Halbwertszeit der angestrebten Zielgruppe. Die Selbstbezogenheit und der damit einhergehende Individualismus der sogenannten Boheme der Großstädte wird nicht weniger werden. Diese zu bedienen und gleichzeitig die Qualität zu wahren, wird nicht einfach.