Dass auch aus schlechten Schüler noch Senatoren, vielleicht sogar Regierende Bürgermeister werden können, erfuhren die Schüler der Gustav-Heinemann-Sekundarschule an diesem Montagmorgen im Raum 6061. „Schule war überhaupt nicht mein Ding“, sagte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) vor Schülern der Jahrgangsstufen 10 und 12. Der Senator verbreitete diese Erkenntnis an einem für ihn durchaus bedeutsamen Ort. Denn Müller, einer der drei SPD-Kandidaten für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, ist einst hier in Marienfelde in die Schule gegangen.

Und aus gutem Grund ist er jetzt zurückgekehrt an diesen Ort: Die angesehene Sekundarschule, eine der größten der Stadt, feiert in dieser Woche ihr 40-jähriges Jubiläum, und dazu gehören Gespräche von Schülern mit Ehemaligen. Doch Müller machte den Eindruck, als erinnere er sich gar nicht so gerne an seine Schulzeit. „Ich war ein fauler Schüler“, sagte er.

Lieber habe er Basketball gespielt und mit der Clique etwas unternommen. Mathe habe er gar nicht gemocht, dafür aber Deutsch und Geschichte. Nach der 10. Klasse und der Mittleren Reife habe es ihm aber endgültig gereicht. „Ich wollte richtig arbeiten.“

Ohne schriftliche Bewerbung

Er habe sich damals einfach einen Schein vom Arbeitsamt geben lassen und sei, ohne vorher schriftliche Bewerbungen einzureichen, einfach zu fünf Firmen hingegangen, um sich zu bewerben. Bei der Firma Fagel, einem metallverarbeitenden Betrieb, habe er dann gleich anfangen können. Das habe der Chef dort spontan entschieden, als er ihn gesehen habe. Dort hat sich Müller dann zum Kaufmann ausbilden lassen, später noch das Druckerhandwerk in der väterlichen Druckerei gelernt und schließlich zusammen mit seinem Vater die Geschäfte geführt.

Schüler der Heinemann-Schule war Müller ohnehin nicht allzu lange. Ursprünglich hatte er auch auf Initiative der Eltern ab der 5. Klasse das altsprachliche Gymnasium Steglitz besucht, musste dort aber in der 9. Klasse abgehen – die Leistungen in Altgriechisch und Mathe ließen allzu sehr zu wünschen übrig.

Aber muss ein Regierender Bürgermeister denn Abitur haben? Das fragen sich hinterher auch ein paar Schüler. „Es ist doch gut, wenn auch ein Handwerker Regierender Bürgermeister werden kann“, sagte Müller. Genau dafür stehe die Sozialdemokratie. Und wie sieht es aus mit den Englischkenntnissen, wenn mal wieder die Queen vom Regierenden Bürgermeister empfangen wird? Na ja, er habe ja seit der 7. Klasse Englisch gehabt.

Müller besuchte damals noch den alten Schulstandort am Tirschenreuther Ring. Das war eine riesige Lernfabrik mit einem breiten Hauptgang, der Schulstraße genannt wurde. Mit fensterlosen Räumen und Neonröhren an den Decken, die Tageslichtersatzräume hießen, und einer eigens eingebauten Klimaanlage.

13 solcher monströsen Bildungszentren waren Mitte der 1970er-Jahre in West-Berlin entstanden. Bibliothek, Jugendclub und Volkshochschule waren integriert. Doch viele Jahre später, im Jahr 1988, entdeckten Handwerker Spritzasbest in den Wänden.

Das Gebäude wurde geräumt und schließlich abgerissen. Es entstanden direkt an der Landesgrenze zu Brandenburg mehrere zweigeschossige Provisorien, eine Art Schuldorf mit grünem Innenhof. Ursprünglich nur für wenige Jahren geplant, lernen Schüler nun schon ein Vierteljahrhundert hier. Doch bald soll nicht weit entfernt am einstigen Standort ein 26 Millionen Euro teurer Neubau entstehen.

Neubau-Entscheidung

Und hier kommt der ehemalige Schüler Michael Müller, heute 49 Jahre alt, wieder ins Spiel. Denn in seiner Senatsverwaltung wird Mitte Oktober entschieden, welcher der 25 Architektenentwürfe den Zuschlag erhält. Schulleiter Carsten Hintze teilte dem Senator mit, dass die Schüler gerne ein wenig den Charakter des heutigen Schuldorfes bewahrt wissen wollen. Doch wegen den Energieeffizienzvorgaben kommt wohl nur ein kompakter Bau mit mehreren Geschossen in Frage.

Die Schüler wollen natürlich noch viel mehr von Müller wissen. Wieso die Olympia-Bewerbung sein muss? Wann die Radwege geflickt werden? Ob es mehr Geld für Schulen geben wird? Müller sagt, dass es nach den Jahren des Sparens auch wieder mehr Investitionen geben müsse, in Straßen, in Schulen und auch in den öffentlichen Dienst. Man müsse dort wieder Leute einstellen können, gerade in technischen Berufen, sagte er und ermunterte die Schüler zu Schnupperpraktika in den Behörden.

Die Vorsitzende des Fördervereins möchte schließlich noch wissen, ob Müller, falls gewählt, zusätzlich zum Amt des Regierenden Bürgermeisters auch noch das des Kultursenators ausüben werde. Er werde da wohl an Wowereit anknüpfen, bejaht er die Frage. Dann verlässt er die alte Schule, an der er damals auch seine erste Freundin kennengelernt hat. Kerstin hieß sie.