Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller.
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BerlinDas waren klare Worte, und ihre Folgen sind noch gar nicht absehbar. Kevin Kühnerts Ankündigung, für den Bundestag kandidieren zu wollen, sorgt in der Berliner SPD weiter für Unruhe. Mit seiner Entscheidung, nächstes Jahr über den Kreis Tempelhof-Schöneberg ins Parlament einziehen zu wollen, bringt der Juso-Vorsitzende vor allem Michael Müller in Zugzwang. Dem Regierenden Bürgermeister werden ebenfalls Ambitionen auf den Bundestag nachgesagt. Nachdem der Weg über seinen Heimatwahlkreis durch Kühnert versperrt zu sein scheint, wird über einen Wechsel nach Charlottenburg-Wilmersdorf spekuliert. Doch auch dort könnte Müller auf namhafte Konkurrenz treffen. Nach Informationen der Berliner Zeitung rechnet sich dort auch Staatssekretärin Sawsan Chebli Chancen aus. Jetzt droht einem der beiden Senatsmitglieder eine schmerzhafte Niederlage – inklusive Gesichtsverlust.

Im Moment gleicht das Rennen um die Kandidatur in Charlottenburg-Wilmersdorf einem Wettlauf der Schweiger. Michael Müller hat noch nicht öffentlich erklärt, zu welchen der im September 2021 gleichzeitig stattfindenden Wahlen – Deutscher Bundestag oder Berliner Abgeordnetenhaus – er antreten will. Es gilt jedoch als ausgeschlossen, dass er nach seiner Abwahl als Vorsitzender der Berliner SPD beim Parteitag in zweieinhalb Monaten noch einmal ins Berliner Parlament einziehen könnte. Ersten Zugriff auf die Berliner Spitzenkandidatur hat das designierte neue Führungsduo, Franziska Giffey und Raed Saleh. Bliebe für Müller nur der Bundestag.

Und Sawsan Chebli? Es ist still geworden um die einstige Twitter-Queen der Berliner Politik. Das mag daran liegen, dass sich die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales in der Senatskanzlei an das Mäßigungsgebot hält, das ihr Chef Christian Gaebler im Januar 2019 erließ. Bis dahin hat sich Chebli oft zu kontroversen Themen wie der Kopftuch-Pflicht von Muslimas, Antisemitismus, Scharia und gerne auch Sexismus geäußert. Dabei wurde sie immer wieder zum Ziel von rassistischen Angriffen von rechtsaußen. In der Senatskanzlei ließ sich der Ärger über die so omnipräsente wie streitbare Staatssekretärin kaum mehr unterdrücken. Deswegen Gaeblers Ansage.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung mochte sich Sawsan Chebli am Mittwoch nicht zu einer möglichen Kandidatur äußern. Ihre Zurückhaltung der vergangenen Monate mag auch mit der Geburt ihres ersten Kindes zusammenhängen, das Ende Mai zur Welt kam. Nun ist Senatskanzleichef Christian Gaebler auch Kreisvorsitzender von Charlottenburg-Wilmersdorf, also ausgerechnet des Kreises, für den sich Müller und Chebli interessieren. Das muss aber nicht unbedingt ein gravierender Nachteil für Chebli sein. Bereits vor einem Jahr sollte Dauer-Bezirkschef Gaebler – seit 1996 im Amt – abgewählt werden. Gaebler konnte die Revolte noch einmal niederschlagen, die turnusmäßigen Neuwahl des Vorstands fiel im April Corona zum Opfer.

Mittlerweile hat Gaebler angekündigt, nicht mehr zu kandidieren. Wenn alles läuft wie in den Absprachen eingefädelt, übernehmen sein persönlicher Referent in der Senatskanzlei, Kian Niroomand, und die bisherige Vizechefin Franziska Becker den drittgrößten Berliner SPD-Kreisverband als Doppelspitze.

Doch es sind genau diese Hinterzimmer-Deals, die vielen in der SPD sauer aufstoßen. Das war schon im Januar so, als Müller mit Giffey, Saleh und wenigen Vertrauten die Nachfolgeregelung für den SPD-Landesvorstand festzurrte und damit nicht nur die Öffentlichkeit überraschte, sondern auch viele in der Partei überrumpelte.

Wenn nun bei Müllers Suche nach Sinn und Aufgabe nach dem Abschied aus dem Roten Rathaus erneut gekungelt wird, könnte das zu einer Trotzreaktion führen. Tatsächlich darf sich Chebli durchaus Chancen im Kreis ausrechnen. So spricht sich die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) für eine Frau als Kandidatin aus. „Wir wollen auf jeden Fall, dass eine Frau den Wahlkreis im Bundestag vertritt“, sagt ASF-Chefin Dunja Schimmel im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Sie habe bereits mit Chebli gesprochen. Es seien aber auch noch andere Frauen im Gespräch.

Am Ende, so wissen alle Sozialdemokraten im Bezirk, braucht die SPD ein echtes Zugpferd, um gegen den Wahlkreis-Abgeordneten Klaus-Dieter Gröhler (CDU) – vom Erscheinungsbild Michael Müller nicht unähnlich – eine Chance zu haben. Schon möglich also, dass sie eher für eine 42-Jährige votieren, die mit ihrer palästinensischen Herkunft eigene Akzente setzt, als für einen erfahrenen 55-Jährigen, der in der Berliner Politik schon so gut wie alles war.