Die Verleihung der Sterne von Michelin in der vergangenen Woche war ein echter Coup für die Hauptstadt, die so gerne auch gastronomisch führend wäre. Gleich 20 Berliner Restaurants sind mit dem französischen Restaurantstern ausgezeichnet worden, das sind genau so viele wie in Hamburg (9) und München (11) zusammen.

Unter den 20 Berliner Sterne-Trägern sind fünf Restaurants (oder besser ihre Küchenchefs), die erstmals ausgezeichnet wurden: zwei in Wilmersdorf, zwei in Kreuzberg und eines in Mitte. Und auch bei diesen Restaurants lässt sich ein Trend erkennen. Bis auf Dauerbrenner Markus Semmler wurden junge Küchenchefs in eher kleineren Restaurants ausgezeichnet, die Wert auf ihre Arbeit und nicht unbedingt auf den großen Auftritt legen. Eine Ausnahme ist sicher das Nobelhart&Schmutzig, das sich in einer coolen Kreuzberger Szene bewegt und einen gewissen Hang zur Attitüde hat. Hier sind die Neulinge:

"Richard" in Kreuzberg

Hans Richard ist im schweizerischen Adelboden im Hotel seiner Eltern aufgewachsen. Er studierte Malerei in Basel, ehe er im Jahr 2000 nach Berlin zog. Schließlich entschloss er sich doch für die Koch- und gegen eine Künstlerkarriere. Vor drei Jahren eröffnete Richard sein erstes eigenes Restaurant, das Richard, in Kreuzberg und stattete die großzügigen Gründerzeiträume mit viel Liebe zum Detail sowie Bildern befreundeter oder bekannter Maler aus.

Der 41-Jährige sagt, er wolle die klassische französische Küche „von ihrem Ballast befreien und aufs Wesentliche reduzieren“. Sein Ziel ist eine „unprätentiöse, gut verständliche, nahbare Küche“. Anfangs startete er mit einem strikten Sechs-Gang-Menü, inzwischen handhaben er und sein Küchenchef Till Bühlmann, ebenfalls aus der Schweiz, das flexibler. Wichtig ist Richard, dass niemand „bestraft wird, der zum Beispiel nur vier Gänge bestellt“. Sein Motto. „Es soll reichen.“

Richard: Köpenicker Str. 174, Kreuzberg, Tel. 49 20 72 42.

Die vier- bis achtgängigen Menüs kosten 58 bis 98 Euro.

"Bandol sur Mer" in Mitte

Der Name gibt das Thema vor. In dem nach einer Stadt an der Côte d’Azur benannten Restaurant kocht Küchenchef Andreas Saul klassisch französisch – und das kann mitunter deftig werden. So kommen öfter mal Innereien auf den Teller, manchmal selbst Kalbsbries. Saul spricht von „so ein bisschen einer Mission, die Leute an solche Sachen heranzuführen“.

Seit fast acht Jahren kommt ein bunt gemischtes Publikum in die Räume, die schon wegen einer riesigen Schiefertafel an der Wand eine entspannte Atmosphäre verströmen: von Studenten bis zu denjenigen, die mehr Geld ausgeben wollen und können. „Wir sind ein ganz normales Restaurant, wollen professionell und hochwertig arbeiten – aber ohne, dass sich jemand verbiegen muss“, sagt Saul.

Bandol sur Mer: Torstraße 167, Mitte, Tel. 67 30 20 51.

Menüs mit fünf bis zehn Gängen kosten 51 bis 118 Euro.

Nobelhart&Schmutzig" in Kreuzberg

Als Micha Schäfer vergangene Woche die begehrte Kochjacke mit dem Michelin-Emblem entgegennehmen durfte, strahlte er übers ganze Gesicht. Anschließend berichtete der 28-Jährige von der „sehr harten Arbeit der letzten Jahre“, die das Team hinter sich habe. Dafür sei die Auszeichnung nun eine tolle Anerkennung. Nun muss man dazu wissen, dass das Restaurant, in dem Schäfer als Küchenchef arbeitet – das Nobelhart&Schmutzig von Inhaber Billy Wagner – erst im Februar öffnete. Dennoch feilen Schäfer und das Team natürlich schon seit Langem an dem Motto des Restaurants: Brutal lokal sollen die Zutaten der Speisen sein.

Mit dem Ergebnis, dass es zum Beispiel weder Pfeffer, noch Zitronen, Schokolade oder Thunfisch gibt. Stattdessen muss improvisiert werden, für die Würze zum Beispiel mit Bohnenkraut und bestimmten Sprossen. In der Kreuzberger Community, zu der das Nobelhart&Schmutzig zählt, kam das bisher gut an. Was aber passiert, wenn nun anspruchsvolle Sterne-Gäste kommen, die Improvisation nicht immer schätzen, darauf ist auch Schäfer gespannt. Er sagt: „Man kann uns leicht falsch verstehen.“

Nobelhart & Schmutzig: Friedrichstr. 218, Kreuzberg, Tel. 259 40 610.

Das 10-Gang-Menü kostet 80 Euro.

"Bierbau" in Wilmersdorf

Schon die Räume sind ein Ereignis. Das Fachwerkgemäuer wurde 1894 von dem Bildhauer und Stuckateurmeister Richard Bieber gestaltet. In seinem Haus lebten und arbeiteten Künstler wie Pechstein und Kirchner, in der dazugehörenden Gaststätte aßen und tranken sie mit Gästen und Nachbarn zwischen Skulpturen und Plastiken. Im Zweiten Weltkrieg brannte das Haus ab, der Gastraum blieb verschont und steht nach einer gründlichen Restaurierung seit den 80er-Jahren unter Denkmalschutz.

In dieser heimeligen Atmosphäre servieren Anne und Stephan Garkisch seit zwölf Jahren mit einem ganz kleinen Team „deutsche Küche mit französischem Touch“, wie der 44-jährige Inhaber und Küchenchef Garkisch es beschreibt. Viel Wert legen sie auf Gemüse und zwischen Frühling und Herbst vor allem auf Kräuter. Die kommen aus einem Garten in der Nähe von Bernau, nördlich von Berlin.

Bieberbau: Durlacher Straße 15, Wilmersdorf, Tel. 853 23 90.

Die 3- bis 5-Gang-Menüs kosten zwischen 32 (vegetarisch) und 63 Euro.

"Das Restaurant" in Wilmersdorf

Markus Semmler ist mindestens so sehr Caterer wie Restaurantbetreiber. Mit seiner Firma Kochkunst&Ereignisse ist der 49-Jährige sehr gut im Geschäft. Ein Blick auf seine Homepage verrät jedoch ein wenig Semmlers Dilemma. Unter der Promikundenrubrik „Staatsoberhäupter/Politik“ findet sich niemand, der noch im Amt ist. Tatsächlich galt Semmler um die Jahrtausendwende als der Koch des Neuen Berlin.

Für ihn stieg Partygirl – damals gab’s sowas noch – Ariane Sommer in eine Badewanne voller Schokopudding. Eine Insolvenz und einige vergebliche Anläufe später hat Markus Semmler längst wieder ein eigenes Restaurant. In dem bietet er, wie eh und je auf sehr hohem Niveau, moderne Klassik an.

Das Restaurant: Sächsische Straße 7, Wilmersdorf, Tel. 89 06 82 90.

Die Menüs haben vier bis sechs Gänge und kosten zwischen 85 und 115 Euro.