Mieten Berlin: Sanieren und kassieren

Sie haben ihre besten Jahre lange hinter sich, die sechsgeschossigen Plattenbauten im Dreh Wartenberger Straße, Anna-Ebermann-, Josef-Höhn-und Gehrenseestraße in Alt-Hohenschönhausen. Seit fast 40 Jahren wurde an den einst der Howoge gehörenden Häusern nichts getan. Jetzt sind sie bereits zum vierten Mal verkauft.

Der neue Eigentümer, der Luxemburger Fonds FFS S.à.r.l., hatte die Häuser im April bei einer Zwangsversteigerung erworben. Bald darauf kündigte er durch seinen Verwalter, die IWG In-West Grundstücksverwaltung GmbH und Co. KG, den Mietern des Wohnblocks Wartenberger Straße 40–72 schon für September umfangreiche Modernisierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen an, auch eine energetische Sanierung. Um mehr als 200 Euro sollen danach die Mieten teilweise steigen. Die IWG, die sich selbst „der Immobilienoptimierer“ nennt, wirbt bereits auf dem Portal Immo-Scout 24: 582 Euro warm soll eine 72 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung in der Wartenberger Straße 72 kosten, „bezugsfrei: nach Absprache“.

In dem Karree, das seinerzeit vor allem für Angehörige von Armee, Polizei und Staatssicherheit erbaut worden war, wohnen viele Rentner und sozial Schwache. „Seit der Modernisierungsankündigung haben die Leute Angst“, sagt Sabine Kanis, die den Kieztreff der Albatros-Lebensnetz GmbH in der Anna-Ebermann-Straße leitet. „Die Mieter sind besorgt, dass jetzt kompakt auf sie zukommt, was in den vergangenen Jahren durch die verschiedenen Erwerber versäumt wurde.“ Unstrittig sei zwar, dass an den Häusern etwas getan müsse. „Doch viele wissen nicht, wie sie dann ihre Mieten bezahlen können. Hier leben viele Erstbezieher, die jetzt im Rentenalter sind, ein Großteil davon allein.“

Mieterhöhungen Thema im Kieztreff

Ein Mann Anfang 70 erzählt, dass er für seine Drei-Zimmer-Wohnung, 58 Quadratmeter groß, zurzeit 450 Euro warm bezahlt. So richtig billig ist das für eine unsanierte Plattenbauwohnung nicht. Seinen Namen möchte er ebenso wenig nennen wie jene 75-Jährige, die zusammen mit ihrem krebskranken Mann knapp 1 300 Euro Rente bezieht. „Ob wir uns die Wohnung nach einer Modernisierung noch leisten können, das wissen wir nicht“, sagt sie. Sabine Kanis sagt, dass die angekündigten Mieterhöhungen auch die Gespräche im Kieztreff dominierten. Und dass viele Leute inzwischen aber Furcht hätten, in der Öffentlichkeit etwas zu sagen.

Dabei hatte es Mitte Juni eine Veranstaltung der Volkssolidarität zum Thema gegeben, einige Mieter sind auch vor die Lichtenberger Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gezogen. Dort haben die Parteien auf Initiative der SPD beschlossen, die Betroffenen zu unterstützen: „Es ist skandalös, dass der neue Eigentümer unter dem Deckmantel der energetischen Sanierung seinen Profit erhöhen will. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben berechtigte Sorge verdrängt zu werden. Wir wollen den Menschen auch nach der Modernisierung den Verbleib in ihren Wohnungen ermöglichen“, sagt SPD-Fraktionschef Erik Gührs.

Das Bezirksamt werde eine Mieterberatung finanzieren, kündigt der Lichtenberger Baustadtrat Wilfried Nünthel (CDU) an. Tätig soll dabei Wilhelm Fehse werden, der schon Mieter im Lichtenberger Kaskelkiez bei der Sanierung beraten hat. Und, wie von der BVV gefordert, soll eine Umstrukturierungssatzung für das Karree auf den Weg gebracht werden. Das ist ein Instrument des Städtebaurechts, mit dem Einfluss auf Sanierungsmaßnahmen und ihre Kosten genommen werden kann. Erstmalig in Berlin und in Ostdeutschland überhaupt wurde 2007 bei der Sanierung der 1 800 Wohnungen der Grünen Stadt in Prenzlauer Berg durch die GSW eine solche Verordnung angewandt. Denn nach der Sanierungsankündigung war dort ein Fünftel der Bewohner ausgezogen.

Noch allerdings muss überhaupt erst der Aufstellungsbeschluss für eine solche Satzung gefasst werden. Bis sie rechtskräftig geworden ist, kann es, länger als ein Jahr dauern. Das Bezirksamt wolle daher zunächst Kontakt mit dem Investor und seinem Verwalter aufnehmen, sagt Nünthel. Bisher hat es noch keine Gespräche gegeben. Auch gegenüber der Berliner Zeitung zeigte man sich in der IWG-Zentrale im westfälischen Ascheberg nicht auskunftsbereit. Die Bewohner blieben besorgt, sagt Sabine Kanis vom Kieztreff: „Das Vertrauen ist weg, weil sich nach der Wende im Viertel bereits viermal Unternehmen auf Kosten der Mieter saniert haben.“