Neukölln, Aronsstraße. Das von der „Weißen Siedlung“ aus den 70er Jahren beherrschte Gebiet Köllnische Heide hat im vergangenen Jahr mit 41,8 Prozent die höchsten Kaltmietensteigerungen Berlins erfahren. Gleichzeitig zählt das Viertel mit 2466 Euro Kaufkraft pro Haushalt und Monat zu den am schlechtesten gestellten Kiezen. Als Marion Pischke vor neun Jahren hierher gezogen ist, lag die Miete für ihre 60-Quadratmeter-Wohnung im 4. Stock bei 360 Euro. Heute zahlt die 63-Jährige 660 Euro.

„2017 gab es drei Mieterhöhungen – einmal um sechs, einmal um 50 und dann noch einmal um zehn Euro“, erzählt die Rentnerin. Der Anstieg ist drastisch, aber er entspricht der Entwicklung in der ganzen Stadt. Inzwischen müssen Mieter, die eine neue Wohnung beziehen wollen, mit Mieten von bis zu zehn Euro kalt pro Quadratmeter rechnen. Das zeigt eine Studie der Bank Berlin Hyp und der Maklerfirma CBRE. Denn die mittlere Angebotsmiete werde die Zehn-Euro-Schwelle in diesem Jahr überschreiten, heißt es in ihrem Immobilienmarktbericht, der am Donnerstag vorgelegt wurde.

Niedrigsten Kaltmieten in Ahrensfelde

Berlin liegt damit zwar hinter München, Frankfurt, Stuttgart, Hamburg und Köln – gemessen an der Kaufkraft ist die Belastung für Mieter mit neuen Verträgen jedoch nur in München und Frankfurt höher als in Berlin. In den ersten neun Monaten 2017 lag die mittlere Angebotsmiete laut der Untersuchung bei 9,79 Euro, das waren 8,8 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig beschleunigte sich der Preisanstieg. 2016 lag er noch bei 5,6 Prozent.

Besonders stark sind die Mieten für Wohnungen im günstigen Segment wie an der Aronsstraße gestiegen, ebenso in einigen Stadtrandquartieren. Bei den Bezirken lag Mitte im vorigen Jahr vorne. Dort sind die Mieten bei sogenannten Neuvermietungsangeboten über alle Wohnungstypen hinweg um 12,9 Prozent gestiegen. Auf den Plätzen folgen Treptow-Köpenick (plus 10,6) und Tempelhof-Schöneberg (plus 10,2). In Bezirk Neukölln war der Anstieg mit 3,8 Prozent am niedrigsten – gleich hinter Steglitz-Zehlendorf (plus 5,9) und Pankow (plus 5,1)

Die niedrigsten Kaltmieten verzeichnet Ahrensfelde mit durchschnittlich 6,02 Euro, an der Chausseestraße in Mitte werden mit 15 Euro die höchsten verlangt. Auch in den brandenburgischen Umlandgemeinden ziehen Mieten und Preise weiter an. Der Bericht zeigt aber auch drei Gebiete mit fallenden Angebotsmieten: Am Mehringdamm sanken sie beispielsweise um 5,5 Prozent.

Wer der Mietsteigerung durch den Kauf einer Eigentumswohnung entgehen will und sich das leisten kann, muss ebenfalls tief in die Tasche greifen: Eigentumswohnungen kosteten im Mittel 3706 Euro je Quadratmeter, ein Plus von 12,7 Prozent.

Man braucht nicht nur Porsche

Der Projektentwickler Christoph Gröner sagte bei der Vorstellung des Berichts, dass sich nur 15 Prozent der Berliner Quadratmetermieten von zehn Euro und mehr leisten könnten. Es würden zu viele teure Wohnungen gebaut. „Das ist so, als wenn die Autoindustrie nur noch Porsches anbieten würde.“ Allerdings sei günstigeres Bauen kaum noch möglich, allein deshalb, dass sich Grundstückspreise mittlerweile auf 1500 Euro pro Quadratmeter verdreifacht hätten.

Bau-Staatssekretär Sebastian Scheel (Linke) erklärte, dass Berlin inzwischen alle bundesrechtlichen Möglichkeiten zur Dämpfung des Mietenanstiegs ausgeschöpft habe: „Wir sind an der Grenze des Machbaren.“ Er kritisierte, dass die Bauherren erteilte Baugenehmigungen nicht ausschöpfen. Zwar müsse dem Neubau Priorität eingeräumt werden, aber große Hoffnung solle man nicht in ihn setzen: Die Idee eines „Sickereffekts“, nach der das Bauen teurer Wohnungen den Markt mit dem Effekt sättige und deswegen die Mieten insgesamt nicht mehr steigen, wirke in einer wachsenden Region wie Berlin nicht.

Nach dem Bericht werden noch immer nicht genug neue Wohnungen gebaut, um mit der Nachfrage der Neu-Berliner Schritt zu halten. „Selbst, wenn wir pro Jahr 5000 neue Sozialwohnungen am Markt hätten, würde das den Verlust nicht ausgleichen“, sagte der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Aus seiner Sicht sollte der soziale Wohnungsbau wiederbelebt und der Bau von Mietwohnungen vom Finanzamt begünstigt werden.

Wild kritisierte zudem, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniere. Einmal, weil es zu viele Ausnahmeregelungen gebe. Zum zweiten, weil sich „nicht gesetzestreue Vermieter“ nicht daran hielten, es aber keine Sanktionsmöglichkeiten gebe.