Protest vor dem Haus in der Wrangelstraße 83 in Kreuzberg.
Foto: Volkmar Otto

BerlinDienstagabend, Wrangelstraße 83 in Kreuzberg. 200 Leute stehen vor dem Mietshaus mit der weißen Fassade und den dunkelroten Erkern, um gegen den Verkauf des Gebäudes zu demonstrieren. „Willi wollt’s anders“ steht auf einem Transparent. Grund: Der frühere Eigentümer des Hauses, Willi Kolberg, hatte in einem Vermächtnis erklärt, dass er das Gebäude zusammen mit vier weiteren Häusern in Berlin und Frankfurt am Main an die Charité vererben wolle. 

Und er bestimmte: „Ich wünsche auf gar keinen Fall, dass meine Häuser verkauft oder anderweitig veräußert werden. Sie sind mein Lebenswerk.“ Sein langjähriger Hausverwalter und Hauswart, Hans-Werner Bujak, für den er „schon lange Vatergefühle empfinde“ und den er als Sohn betrachte, solle überdies „ein lebenslanges mietfreies Wohnrecht“ erhalten.

Doch nach dem Tod Willi Kolbergs im Jahr 2016 kam alles anders. Das Nachlassgericht in Frankfurt stellte im Erbschein die Stiftung Jüdisches Krankenhaus Berlin als Alleinerbin fest. „Wenn Willi Kolberg wüsste, was jetzt passiert, würde er sich im Grabe umdrehen“, sagt Hans-Werner Bujak. „Denn die meisten seiner Häuser wurden bereits verkauft oder werden es gerade, wie in der Wrangelstraße, und mir wurde gekündigt – als Mieter, Hauswart und Verwalter. Ich soll angeblich vor etlichen Jahren keine Betriebskosten gezahlt haben. Aber das stimmt nicht. Meine Zahlungen wurden nur aus einem Guthaben-Konto verrechnet“, sagt Bujak. Er nehme die Kündigung nicht hin.

Hans-Werner Bujak.
Foto: Volkmar Otto

Seit 1998 lebt Bujak in der Wrangelstraße. Er sei für alle Häuser von Willi Kolberg zuständig gewesen. „In den letzten fünf Jahren vor seinem Tod entwickelte sich zwischen uns so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung“, berichtet Bujak. „Er sagte, er würde mich gerne adoptieren. Denn eine eigene Familie besaß er nicht.“ 2013 habe er vertraglich mit ihm vereinbart, dass er ein lebenslanges Wohnrecht erhalte und nur die Betriebskosten zahlen müsse. „Das steht alles im Mietvertrag“, sagt Bujak.

Rechtsanwalt Guido Dubielzig war für Willi Kolberg tätig und vertritt nun die Interessen von Bujak. „Ich habe Willi Kolberg als einen Mann kennengelernt, für den es sehr wichtig war, dass seine Häuser nach seinem Tod in seinem Sinne weiter bewirtschaftet werden und die Erträge aus der Vermietung dieser Häuser in eine Stiftung fließen“, sagt Dubielzig. Seine erklärte Absicht sei es gewesen, sein Lebenswerk ausschließlich einer Stiftung, vorzugsweise einer Stiftung der Charité, zu vermachen.

„Leider ist es Willi Kolberg nicht gelungen, sein schriftlich hinterlegtes Vermächtnis in der juristisch vorgeschriebenem Form, nämlich handschriftlich, abzufassen“, so Dubielzig. „Ich habe das Vermächtnis erst mehr als zwei Jahre nach dem Tod des Herrn Kolberg erhalten und unverzüglich an das Nachlassgericht Frankfurt am Main weitergeleitet.“ Zu diesem Zeitpunkt sei das Erbe bereits geregelt gewesen.

„Trotzdem ist klar, was Willi Kolberg wollte“, sagt Dubielzig. „Es ist für mich unerklärlich, dass der letzte Wille des Herrn Kolberg ignoriert wird.“ Weder die Kündigung des Mietvertrages noch des Arbeitsverhältnisses von Hans-Werner Bujak hätten dem letzten Willen Willi Kolbergs entsprochen. Wenn die Stiftung Jüdisches Krankenhaus sich nicht in der Lage sehe, das Erbe im Sinne Willi Kolbergs zu verwalten, sollte sie es an eine gemeinwohlorientierte Institution abgeben.

Das ist auch das Ziel der Initiative Bizim Kiez, die den Fall publik machte. Die Mieter in dem Haus zahlten Mieten zwischen fünf und acht Euro je Quadratmeter, sagt Magnus Hengge von der Initiative. Das seien genau die Mieten, die in einem Milieuschutzgebiet erhalten bleiben müssten. Immerhin: Der Bezirk prüft, ob er für die Wrangelstraße 83 sein Vorkaufsrecht ausübt, sagt Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne).

Die Stiftung Jüdisches Krankenhaus verteidigt den Verkauf. „Das Bewirtschaften, die Verwaltung und Vermietung von Immobilien sind nicht Aufgabe oder gar Zweck der Stiftung“, heißt es in einer Mitteilung. Die Stiftung habe „weder eigene Kapazitäten, die Immobilie zu bewirtschaften, noch verfügt sie über Investitionsmittel für die Immobilie“. Da das Land Berlin seiner Verpflichtung, investive Fördermittel für das Jüdische Krankenhaus bereitzustellen, unzureichend nachgekommen sei, sei die Verwendung des Verkaufserlöses zur Erhaltung der Stiftung „dringend geboten“.

Die Unterstützung des Jüdischen Krankenhauses sei auch Willi Kolberg wichtig gewesen, weshalb er bereits 2007 eine Stiftung gegründet habe, die einzig diesen Zweck verfolgte. „In Gesamtwürdigung der genannten Aspekte sahen wir uns gezwungen, die Immobilie zu veräußern“, so die Stiftung. Klageverfahren seien „ausschließlich in den wenigen Fällen angestrengt“ worden, „in denen Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen wurde“. Auf die Kündigung Hans-Werner Bujaks geht die Stiftung nicht näher ein. Die Mitteilung endet mit den Worten: „Wir haben Verständnis für die Verunsicherung der Mieter und Mieterinnen und verschließen uns einer Ausübung des Vorkaufsrechts nicht.“

Kritik kommt aus der Politik. „In Berlin werden Häuser verkauft, bei denen dies explizit ausgeschlossen sein sollte“, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe. „Der Fall der Wrangelstraße 83 ist so ein Fall.“ Der Linken-Bundestagsabgeordnete Pascal Meiser zeigt sich empört. „Wie hier mit dem letzten Willen eines ehrbaren Vermieters umgegangen wird, ist einfach nur makaber“, sagt er. „Der Senat muss dafür sorgen, dass dieses Trauerspiel beendet wird und das Vorkaufsrecht ausgeübt werden kann.“ Wenn die Stiftung, die das Haus jetzt versilbern will, noch einen Funken Anstand habe, verzichte sie auf die durch den Hausverkauf in Aussicht stehenden Einnahmen und gebe diese an die öffentliche Hand zurück.