Berlin - Sie leuchten in grellem Rot und sehen aus wie gewöhnliche Frachtcontainer. Die rund sechs Meter langen und circa zweieinhalb Meter hohen Behälter stehen vor dem Ostbahnhof, am Oranienplatz, am Waterloo-Ufer und auf dem Tempelhofer Damm. Doch die Boxen wurden dort nicht einfach so abgestellt. In jedem Container findet sich eine kleine Ausstellung mit Hintergründen zur Geschichte der Zuwanderung nach Berlin.

Die Aktion des Bündnisses "Berliner Route der Migration" wurde zum 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Türkei Ende Oktober organisiert. Die Zuwanderung soll an symbolischen Orten greifbar werden. Ab dem heutigen Dienstag können die Boxen besucht werden. Günter Piening, Berlins Beauftragter für Integration und Migration, hofft, dass mit dieser Aktion die Zuwanderung wieder stärker von den Berlinern wahrgenommen wird. "Nur wenige Entwicklungen haben Berlin so geprägt wie die Einwanderung. Aber es gibt nur wenige sichtbare und markierte Erinnerungsorte", sagt er.

Studenten als Gestalter

Das Projekt koordiniert Rainer Ohliger vom Netzwerk Migration. Für ihn geht es darum, "diesen Erinnerungsschatz zu heben". Die Idee, die Ausstellung in Containern zu zeigen, habe vor allem zwei Gründe: Zum einen stünden Container wie kaum ein anderes Symbol für die Globalisierung und den internationalen Warenaustausch. Zudem spielten Container gerade bei sogenannter illegaler Migration eine wichtige Rolle: "Weltweit zwängen sich Menschen in solche Boxen und suchen eine neue Heimat." Als Standorte hat sich das Netzwerk symbolträchtige Orte ausgesucht. Jeder Platz ist mit der Berliner Migration verbunden. Den schwarzen Innenraum der Boxen haben Studierende der Humboldt-Universität und der Freien Universität gestaltet.

In dem Container am Haupteingang des Ostbahnhofes hängen Fotos prominenter Migranten an den Wänden, wie etwa von den Schriftstellern Herta Müller und Wladimir Kaminer. Überhaupt dreht sich diese Ausstellung ganz um die Literatur. Wer sich hier einen Kopfhörer aufsetzt, bekommt verschiedene Passagen aus Romanen vorgelesen, in denen Migration eine Rolle spielt. So kann man zum Beispiel eine Zug-reise von Berlin nach Warschau miterleben.

Am Oranienplatz erfährt der Besucher Hintergründe zur Zuwanderung nach Kreuzberg. Eine Wand ist bestückt mit 34 Einwandererporträts aus den sechziger und siebziger Jahren. In einem weiteren Projekt haben Studenten Interviews mit Migranten der ersten Stunde und deren Nachkommen geführt. Per MP3 kann man hier hören, welche Erfahrungen sie in ihrem neuen Zuhause gemacht haben und wie sich die Stadt seitdem verändert hat. Die Auswirkungen des Mauerfalls auf die Migration zeigt das Projekt Mauer 2.0.

Kontrolle von Zuwanderern vor Augen geführt

Die Ausstellung am Waterloo-Ufer unweit des Halleschen Tores führt dem Besucher vor Augen, wie sehr Zuwanderer kontrolliert werden. Harte Plastikstühle sollen die langen Warteschlangen in verschiedenen Behörden aufmerksam machen. Eine Sammlung an Formularen, die vom Antrag auf Verlängerung einer Aufenthaltsgenehmigung bis zum Antrag auf Erteilung eines Schengen-Visums reichen, verdeutlichen die bürokratischen Hürden, mit denen die Migranten konfrontiert sind.

Eine vierte Box steht schließlich auf dem Tempelhofer Feld und soll an die Einreise über den ehemaligen Flughafen erinnern. Die Box ist nur spärlich eingerichtet. An einer Pinnwand in der Mitte des Raumes hängt vereinsamt ein Bild zweier Asiatinnen, die beiden Frauen blättern in einem Fotoalbum. Viele farbige Zettel und Nadeln sollen Besucher einladen, ihre eigenen Migrationserlebnisse hier aufzuschreiben oder Erinnerungsfotos anzubringen - um so ihre persönlichen Erfahrungen mit anderen Zuwanderern auszutauschen.

Die Boxen sind bis zum 3. November täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Bei stärkerem Interesse wird die Ausstellung bis zum 10. November verlängert.