Es ist der typische „Ach der!“-Effekt, den Miguel Herz-Kestranek auslöst. Mehr als 160 Film- und Serienrollen hat der Österreicher gespielt, den Liebhaber, den Bösewicht, die Vaterfigur. Bei Rosamunde Pilcher, Utta Danella, Inga Lindström. In „Beate Uhse“ und „Doctor’s Diary“. Größere und kleinere Rollen neben Iris Berben, Christiane Hörbiger, Ulrich Mühe, Götz George. Er hat mit Vanessa Redgrave, Richard Burton, Clint Eastwood und John Malkovich gedreht. Miguel Herz-Kestraneks Gesicht kennt man, den Menschen dahinter nicht. Den Mann, der sagt: „Tagsüber bin ich Schauspieler, abends bin ich intelligent.“

Der 64-Jährige engagiert sich für so viele Ämter und Projekte, es lässt sich kaum aufzählen – aber leicht auf einen Nenner bringen. Alles wurzelt in seiner jüdischen Familiengeschichte. Das Engagement für die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung und für die Gesellschaft für Europapolitik ebenso wie seine beißende Polemik gegen Politik und Proporz in seinem Heimatland. Dort ist Herz-Kestranek einer der führenden Intellektuellen.

Einen Teil seiner Familiengeschichte bringt er am heutigen Montag mit ins Berliner Ensemble. Dort liest er aus seinem Erinnerungsbuch „Die Frau von Pollak – oder wie mein Vater jüdische Witze erzählte“.

Typisch jüdischer Humor

Drei Jahre nach Kriegsende wurde er geboren, sein Vorname ist eine Erinnerung an Uruguay, wo seine Eltern sich im Exil kennenlernten. Der Vater stammte aus dem jüdischen Großbürgertum, den Familiensitz in St. Gilgen am Wolfgangsee bekam er nach dem Krieg zurück, Sohn Miguel ist dort aufgewachsen und versucht nun alles, um diese Heimat zu erhalten.

Heimweh bekomme er schon am Salzburger Bahnhof, sagt er. Das ist kaum 30 Kilometer entfernt. Und wenn er dann doch Reisen auf sich nimmt, zu Drehorten nach Cornwall oder Brandenburg, dann nur, weil die Gagen helfen, dieses Haus zu behalten. Ein paar Häuser weiter nur hat Helmut Kohl immer Urlaub gemacht, beim Schwimmen haben sie sich zugewinkt.

Mit dem Familiensitz am See verbindet Herz-Kestranek auch den typischen jüdischen Humor, die Geschichten, die Freunde des Vaters am Wohnzimmertisch erzählten, diese Lebensweisheit voll Überlebenswillen, die Selbstironie. Davon handelt sein nunmehr 13. Buch. „Die Frau von Pollak – oder wie mein Vater jüdische Witze erzählte“ ist eine Sammlung jener Anekdoten, mit denen der 64-Jährige aufgewachsen ist. Den typischen Humor, die Pointen verwebt er mit seiner Familiengeschichte.

Ja, man darf!

Es ist ein Buch voller Wehmut, Herz und Witz über eine Kultur, die quasi ausgestorben ist. „Das sogenannte Jüdeln wollte ich auch schriftlich bewahren. Natürlich stellt sich die Frage: Darf man das? Denn mit diesem Ton wurden die Juden auch verunglimpft, bis in die Gaskammer. Ich sage: Ja, man darf, mit lauterer Haltung und Absicht, weil das ist spürbar beim Hören wie beim Lesen“, sagt der Autor. Mit BE-Chefdramaturg Hermann Beil, ebenfalls Österreicher, wird er nach der Lesung über seine Herzensthemen reden: über Heimat, Exil, jüdischen Humor nach Auschwitz und warum Europa so wichtig ist.

Da wird Herz-Kestranek leidenschaftlich. „Europa ist nicht das Problem, sondern die Lösung“, sagt er mit Nachdruck. Nicht gegen eine Wiederholung von Auschwitz sollte man auf die Straße gehen, sondern „für ein geeintes Europa, weil es darin kein Auschwitz mehr geben wird“. Das Friedensnobelpreis-Komitee hat ihm darin gerade recht gegeben. Das gefällt ihm in anderen Fällen eigentlich gar nicht. Er ist lieber dagegen.

Da hilft nur Polemik

In Österreich wettert Miguel Herz-Kestranek in Zeitungsartikeln und Radiobeiträgen so gegen das Establishment, dass er beim Fernsehen kaum noch Engagements bekommt. „Der Proporzdurchseuchungsgrad in Österreich liegt immer noch bei über 100 Prozent, die Wendehälse mitgerechnet. Noch die Klofrau ist besser bei der Partei, um Ober-Klofrau zu werden“, sagt er. Da hilft nur Polemik, das lehrten ihn die jüdischen Freunde des Vaters.

Mit Selbstironie nimmt er seinen Hauptberuf, gerade, weil er gerne anspruchsvollere Rollen angeboten bekäme. „Die meisten Drehbücher sind trivialer Schmarrn. Ich brauch ja keinen Hegel, aber nur trivial ist lähmend“, sagt er.

Aber Fernsehen sei eben ein Geschäft wie Waschmittel und Hosenknöpfe. „Vielleicht steckt ja auch der große Plan dahinter: Kitsch verklebt Hirn und Verstand fürs Wesentliche“, mutmaßt Herz-Kestranek. Wenn man die Menschen so ruhig stelle, gingen sie nicht auf die Straße. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Und hinter dem Fernsehgesicht steckt mehr als nur ein Schauspieler. Ein jüdischer Buddhchrist auch noch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lesung Miguel Herz-Kestranek und Podiumsgespräch mit Hermann Beil: Montag, 22.10.2012, 20 Uhr, im Foyer des Berliner Ensembles, Info und Karten: 28 40 80 oder unter www.berliner-ensemble.de/online-kauf