Angermünde - Die Uckermark ist eine Endmoränenlandschaft. Sanft geschwungen sind die Hügel, da ist nichts Schroffes oder Dramatisches, und vermutlich strahlt die Ruhe dieser Landschaft auch auf Gunnar Hemme ab. Man sei in einem Tal, sagt er, aber irgendwann gehe es auch wieder bergauf.

Hemme, 45 Jahre alt, spricht nicht von den weiten Wiesen und Feldern rund um seine Wahlheimatstadt Angermünde. Er spricht von den Milchpreisen, und er tut das sehr viel unaufgeregter als viele andere in diesen Tagen. Weniger als 28 Cent bekommen Landwirte derzeit für einen Liter konventionell erzeugter Milch. Vor einem Jahr waren es rund 40 Cent, eine so rasche Schwankung ist ungewöhnlich. In der vorigen Woche gab es die ersten Proteste, Bauern aus Mecklenburg-Vorpommern und Nordbrandenburg demonstrierten vor der Molkerei in Waren an der Müritz. Auch die Proteste französischer Bauern in der vorigen Woche entzündeten sich an den niedrigen Preisen. Am 7. September soll es einen Krisengipfel der EU-Agrarminister zu dem Thema geben. „Bei diesen Preisen verdienen die Bauern nichts“, sagt Gunnar Hemme. „Aber man muss auch sagen, dass sie vor einem Jahr gut verdient haben.“

Hemme hat Grund zur Gelassenheit. Zum einen, weil er als Sohn niedersächsischer Milchbauern das Geschäft kennt. Zum anderen, weil er als Besitzer einer Molkerei von den niedrigen Preisen profitiert. Vor allem aber, weil er sich und seine drei Lieferanten – der eine ist sein Nachbar, der zweite ein Betrieb im Oderbruch, der dritte ein Hof nördlich von Prenzlau – vom Markt abgekoppelt hat, zumindest teilweise. Zwar zahlt er ihnen derzeit etwas weniger als im vorigen Jahr, aber es ist mehr als der Marktpreis. Im Gegenzug lag er im vorigen Jahr etwas darunter.

„Wir versuchen, die Spitzen und Täler abzufangen“, sagt Hemme. Die Preiskurven bei Hemme Milch beschreiben einen sanften Verlauf, wie die Hügel der Uckermark. Über die Zyklen hinweg erhielten seine Bauern etwas mehr Geld als jene, die an Großmolkereien liefern. Warum Hemme das tut? „Wir sind eine kleine Molkerei. Würden wir nicht mehr zahlen, dann würden wir die Milch nicht kriegen“, sagt er.

7,5 Millionen Liter Milch verarbeiten Hemmes Mitarbeiter pro Jahr. Das klingt, als wäre es viel, aber im Vergleich ist es verschwindend wenig. Branchenriesen wie der Konzern Fude+Serrahn, der unter anderem in Gransee (Oberhavel) produziert, kommen auf die hundertfache Menge. Sie sind global aufgestellt, 49 Prozent der deutschen Milchprodukte werden exportiert. Doch dieses Geschäft läuft nicht gut. Der russische Markt ist infolge der Sanktionen zusammengebrochen. China bleibt zwar ein bedeutender Abnehmer von Milchpulver, doch dort ist die Konjunktur derzeit schwach.

Kaum einer gibt auf

Für Hemme war der Weltmarkt nie ein Ziel. Zwar exportiert auch er seit einigen Jahren – nach Berlin, wo seine Milch in den Kühlregalen der Supermärkte steht. Doch sein Geschäft hat seit der Gründung 1998 eine andere Grundlage, die beinahe antiquiert wirkt: Hemme ist der Milchmann der Uckermark. Rund 2 000 Kunden liefert er ihre Milch an die Haustür, im Abo sozusagen. Schulen und Kitas gehören dazu, aber auch Privatleute. Zwischen Kuh und Kunde sei nur sein Unternehmen. „Das ist meine Sicherheit. Ohne das Milchmannsystem wäre ich dem Markt ausgeliefert.“

Es ist diese Sicherheit, die den Milchbauern in der jetzigen Krise fehlt. Doch Hemmes System hat Grenzen. Mehrere Bauern hätten angefragt, ob sie Hemme beliefern könnten. Er lehnte ab. „Wir können nicht mehr Milch verarbeiten.“

Zwei Möglichkeiten gibt es für Bauern. Sie können auf ökologische Produktion umstellen, der Preis für Bio-Milch liegt konstant bei 47 Cent. Doch die Umstellung ist aufwendig. Die Förderung wurde zwar kürzlich wieder aufgestockt, dennoch ist nach Angaben der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau in den letzten zwei Jahren kein einziger Betrieb in Brandenburg umgestiegen.

Die zweite Möglichkeit: Sie können die Milchproduktion aufgeben – was aber nur wenige tun. Die Zahl der Milchviehhalter in Brandenburg ist in den letzten Jahren nur leicht zurückgegangen, die Herden der Betriebe sind seit 2010 im Schnitt um zehn Prozent gewachsen, die Zahl der Milchkühe liegt konstant bei 165 000.

Was die Bauern nicht können: kurzfristig auf Schwankungen reagieren. Sechs Jahre alt wird eine Milchkuh. Diese Zeitspanne ist länger als jeder Marktzyklus, Schlachtungen bei sinkenden Preisen lohnen sich selten. Weniger melken ist auch keine Option. Die Folge: 30 Prozent der Milchbauern leiden nach Schätzungen des Bundes Deutscher Milchviehhalter unter Liquiditätsengpässen. Nach Ansicht des Verbandes muss der deutsche Einzelhandel seine Niedrigpreispolitik beenden, wenn es den Milchbauern besser gehen soll. Doch damit ist kaum zu rechnen. Am Montag teilten Aldi und Norma jedenfalls mit, dass sie die Preise für Butter um sieben Prozent gesenkt hätten.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten. Dass sie kommen, daran hat Gunnar Hemme keine Zweifel. „Je tiefer das Tal, desto höher der Gipfel“, sagt er. Das gilt auch in der sanften Uckermark.