Die Nacht zum Freitag hat er im Freien verbracht. Er lag in einem Hauseingang am Hackeschen Markt, erzählt er, eingewickelt in zwei Schlafsäcke, während die Temperaturen mit jeder Stunde ein bisschen tiefer unter Null fielen. „Ich schlafe lieber draußen, Notunterkünfte sind stressig“, sagt er. „Geht schon.“

Doch es soll noch kälter werden, viel kälter, eine eisige Wetterfront kommt auf Berlin zu. Sie erreicht die Stadt am Wochenende, Mitte der kommenden Woche könnten die Temperaturen dann auf bis zu Minus 14 Grad fallen. Eine Kälte, wie Berlin sie seit Jahren nicht erlebt hat. Für Menschen, die auf der Straße schlafen, wird es dann lebensgefährlich.

Der Mann stellt sich nur mit Vornamen vor: Daniel. Er ist 34 Jahre alt und lebt seit zehn Jahren ohne Obdach in Berlin. Gerade läuft Daniel über den Alexanderplatz, der Rücken gebeugt, den Blick nach unten oder zur Seite, niemals ins Gesicht des Gegenübers.

Daniel wirkt müde, gezeichnet, aber recht klar im Kopf. „Ich fühle mich am sichersten, wenn ich irgendwo alleine mit meinem Schlafsack liege“, sagt er. „Zumindest besser, als mit 20 schnarchenden Besoffenen in einem Zimmer.“ Aber, wenn es ganz kalt wird, sagt Daniel – und man hofft, dass er diesen Vorsatz wirklich in die Tat umsetzt – „gehe ich in die Lehrter Straße.“

Dort betreibt die Stadtmission Berlins größte Notübernachtungsstätte für Obdachlose. 121 Schlafplätze finanziert der Senat hier. „Aber nächste Woche, wenn die Temperaturen in den zweistelligen Minusbereich fallen sollen, rechnen wir mit deutlich mehr Hilfesuchenden“, sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Stadtmission.

Sie steht an diesem Freitag in einem der Schlafräume der Unterkunft. Hier liegen dicke Isomatten auf dem Boden, dicht an dicht, mit etwa 30 Zentimeter Abstand dazwischen. „Wir haben die Matten schon aufgestockt, denn wir schicken niemanden weg.“

Im Schnitt übernachten in der Lehrter Straße im Winter jede Nacht etwa 150 Personen. Insgesamt stehen der Berliner Kältehilfe in allen Notquartieren rund 1 100 Plätze zur Verfügung – 100 mehr als zunächst geplant, und so viele wie noch nie zuvor in der langjährigen Geschichte der Kältehilfe. Die Betten werden gebraucht, denn Schätzungen von Wohlfahrtsverbänden gehen von 4000 bis 6000 Obdachlosen in Berlin aus. Tendenz steigend.

„Wir kämpfen darum, alle zu erreichen“, sagt Wohlwend. Doch es gibt auch viele Menschen wie Daniel, die das Angebot ablehnen. „Das kann unterschiedliche Gründe haben: Einige fürchten, beklaut zu werden, dabei haben wir eine Garderobe, wo alles bis zum nächsten Morgen abgeben werden kann. Andere fühlen sich unwohl in großen Menschengruppen, und wieder andere sind so verstört, dass sie wie Eremiten in der Stadt leben und alle Hilfe von außen ablehnen.“

Wie gefährlich das aber in frostigen Nächten sein kann, erlebt Wolfgang Rutsch immer wieder. Er ist Arzt und behandelt ehrenamtlich Obdachlose in der Ambulanz der Stadtmission, nur ein Stockwerk über dem großen Essensraum in der Lehrter Straße. „Besonders für alkoholkranke Menschen sind die Minusgrade ein Problem.

Ihre Hautgefäße sind durch den Alkohol besonders weit gestellt, dadurch verlieren sie schneller Wärme“, sagt er. „Solchen Unterkühlungen können tödlich sein, wenn jemand weggetreten auf dem Boden liegt und niemand eingreift.“ Wer jemanden in einer solchen Situation findet, sollte ihn ansprechen, rät Rutsch: „Brauchen Sie Hilfe? Soll ich den Kältebus rufen?“ Die Hilfetransporter suchen die Obdachlosen auf und fahren sie in die nächstgelegene Notunterkunft.

Ein Buch voller Märchen

In so einer Bleibe, nämlich in der Wärmelufthalle der Stadtmission an der Frankfurter Allee, hat Joachim schon ein reserviertes Bett. Auch er nennt nur seinen Vornamen, an diesem Freitagmittag sitzt er mit dem Rücken vor der Weltzeituhr, an einen Stromkasten gelehnt, vor ihm ein Plastikbecher für Kleingeld. Joachim vertreibt sich die Zeit mit Lesen.

„Märchen von starken Frauen“, heißt das Buch, eine Sammlung voller heldenhafter Geschichten. So wie seine eigene, findet der 55-Jährige. Joachim hat sein Schicksal selbst gewählt, als er vor einem guten dreiviertel Jahr „nach draußen ging“, wie er es nennt. Wo und unter welchen Umständen er vorher gelebt hat, erzählt er nicht. Nur, dass eine Krebserkrankung ihm die Augen öffnete. Und er dann weg musste.

Joachim trinkt, sagt er, „aber niemals so viel, „dass ich es nicht mehr in die Notunterkunft schaffe. Ich trickse mich selber aus, indem ich immer nur kleine Packungen mit Schnäpsen kaufe, keine Literflaschen Wodka.“ Was nicht in Reichweite ist, kann er sich auch nicht einschenken, erzählt er. „Andere sind aber nicht so schlau und haben vielleicht auch nicht so gute Schlafsäcke. Wenn die Temperaturen wirklich auf Minus 14 Grad fallen – dann fürchte ich, dass es Tote geben könnte.“

Vor etwa zwei Wochen erst starb ein Obdachloser in Berlin. Passanten meldeten der Feuerwehr einen leblosen Mann. Er saß im Rollstuhl unter der S-Bahn-Brücke am Hackeschen Markt. Ziemlich genau dort, wo Daniel die vergangene Nacht verbracht hat.