Berlin - Der Vorwurf, dass an der Charité eine junge Patientin sexuell missbraucht wurde, trifft möglicherweise nicht zu: Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden bezweifeln inzwischen die Anschuldigung der 16-jährigen Jugendlichen, wonach vor zwei Wochen ein 58-jähriger Pfleger im Virchow-Klinikum in Wedding die Patientin auf unzulässige Weise berührt haben soll.

Eine Aufklärung wird auch dadurch erschwert, dass die Staatsanwaltschaft die Jugendliche bisher nicht befragen konnte. Auf eine Ladung als Zeugin hat sie nicht reagiert. Zu Hause war die Familie nach Angaben eines Sprechers auch am Dienstag nicht anzutreffen. Falls es DNA-Proben des vermeintlichen Täters gab, wären diese mittlerweile nicht mehr nachzuweisen. Die 16-Jährige wurde in der Nacht zum 14. November aus einem anderen Krankenhaus in die Kinderrettungsstelle der Charité verlegt. Der inzwischen suspendierte Pfleger soll etwa drei Minuten mit der Patientin allein gewesen sein und sie in dieser Zeit missbraucht haben.

Drei weitere Fälle

Als der Vorfall eine Woche später an die Öffentlichkeit drang, musste Charité-Chef Karl Max Einhäupl einräumen, dass der Mitarbeiter – seit 40 Jahren in der Klinik beschäftigt – zuvor bereits in weiteren drei Fällen in den Jahren 2005, 2009 und 2011 mit dem Vorwurf sexueller Übergriffe konfrontiert war. Nach dem ersten Vorfall soll eine Protokollnotiz geschrieben worden sein, die nun in der Charité offenbar nicht mehr auffindbar ist. In einem weiteren Fall hatte die Mutter einer Patientin Anzeige erstattet, die Ermittlungen wurden später eingestellt.

Auch soll der Pfleger von einem Gutachter entlastet worden sein. Inzwischen ist bei der Hotline der Charité ein weiterer anonymer Hinweis auf eine „Grenzüberschreitung“ des Mannes eingegangen. Auch der Pfleger, der Vater von drei Kindern ist, soll sich mittlerweile an einem unbekannten Ort aufhalten. Die Klinikleitung bereitet nun seine Entlassung vor. Doch ob der Personalrat einer Kündigung zustimmt, ist ungewiss. „Nach meiner persönlichen Meinung gibt es zurzeit keinen Grund dazu“, sagte der Klinikpersonalratsvorsitzende Jörg Pawlowski. „Im Zweifel für den Angeklagten.“

Verdachtsfälle aufklären

Doch selbst, wenn der Pfleger unschuldig sein sollte, muss nach Auffassung von Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) auch Verdachtsfällen nachgegangen werden. Scheeres ist Aufsichtsratsvorsitzende des Uniklinikums und hat ein Kinderschutz- und Präventionskonzept angemahnt. Nach Informationspannen – Einhäupl will erst verspätet von dem konkreten Vorwurf erfahren haben – muss die Charité ihre internen Kommunikationsabläufe grundlegend verbessern.

Der Vorstand hat am Dienstag der am Vortag eingerichteten externen Expertenkommission vorgeschlagen, ein „Vertrauenstelefon“ einzurichten, wo Mitarbeiter anonym Missstände melden können. „Es gibt eine ganz einfache Regel“, sagte der Gesundheitsexperte der Linksfraktion, Wolfgang Albers, der selbst Klinikarzt ist: „Man darf eine Patientin nie mit einem männlichen Mitarbeiter alleinlassen.“