Königs Wusterhausen - Der Tatort ist schon lange wieder freigegeben, das Flatterband vor der öffentlichen Toilette ist weg. Der Spielplatz nebenan liegt verwaist da. Blaulicht scheint ein paar Hundert Meter weiter auf – die Feuerwehr stellt mit einem Kran gerade den Weihnachtsbaum vor dem Rathaus auf. Königs Wusterhausen liegt still da. „Alles wie immer“, sagt die Bäckersfrau.

Das ist keine Selbstverständlichkeit: Am Dienstag hat die Polizei bekannt gegeben, dass ein afghanischer Asylbewerber in der vergangenen Woche eine 15-Jährige in der öffentlichen Toilette sexuell missbraucht haben soll, gleich neben dem Spielplatz. Der Mann sitzt in Untersuchungshaft. Ein zweiter Afghane wird verdächtigt, das Mädchen bei der Tat festgehalten zu haben – nach ihm wird noch gefahndet. „Derzeit gibt es keine neuen Erkenntnisse“, sagt Polizeisprecher Torsten Wendt am Mittwoch. „Nur so viel: Wir ermitteln akribisch.“

Kein Drang auf die Straße zu gehen

Die Polizei hat die Tat erst nach Tagen veröffentlicht und dafür viel Kritik bekommen. Man habe die Öffentlichkeit unwissend halten wollen, um rechte Demos zu vermeiden, zitiert die Boulevardzeitung B.Z. einen Polizisten anonym. Die zuständige Behörde widerspricht. Viel weiß man bisher nicht, auch aus ermittlungstaktischen Gründen hält sich die Polizei mit Details zurück.

Genau diese Informationslücke, in der die öffentliche Unsicher- und Unwissenheit besonders groß ist, nutzen rechte Gruppierungen nach extremen Straftaten von Asylbewerbern gerne aus, um Gerüchte zu streuen, Stimmung zu machen und zu mobilisieren. In Chemnitz dauerte es nach dem Mord an Daniel H. keine 24 Stunden, bis die rechtsextreme Gruppe Pro Chemnitz zum ersten Mal zur Demo aufrief und mit Hunderten Wütenden durch die Straßen zog, obwohl die Lage noch völlig unklar war. In Königs Wusterhausen ist man wütend, schockiert, auch resigniert – aber den Drang, auf die Straße zu gehen haben selbst die noch nicht, die mit den Rechten sympathisieren. „Ich bin Patriot“, sagt ein Mann in dickem Parka und Wollmütze, der mit einem Freund gerade Köder fürs Angeln tauscht, gleich an der Schleuse neben dem Tatort.

Strafen für Starftäter zu niedrig

Von der Tat erfahren hat er über Facebook, dort diskutierten er und „andere Patrioten“ auch darüber, ob man nicht demonstrieren wolle. Aber noch werde von vielen auf Zurückhaltung gedrängt, sagt er. „Wegen Opferschutz. Aber es brodelt.“

Zuerst an das Opfer denken – das wollen viele in KW, wie die Anwohner ihre Stadt abkürzen. „Das Mädchen wird ihr ganzes Leben darunter leiden“, sagt beispielsweise Elisa Krause. Die 25-Jährige lebt nur wenige Meter entfernt vom Tatort.

Die Schwangere hatte bisher noch nie Probleme in der Nähe des Spielplatzes, sagt sie. Die Nationalität des Täters sei ihr egal, aber sie finde: „Die Strafen für Leute, die solche Verbrechen begehen, sind viel zu niedrig.“

Höhere Polizeipräsenz

50 Meter weiter, im Haus gleich neben dem Tatort, sitzen gerade die Stadtverordneten Ludwig Scheetz von der SPD und Michael Reimann von „Wir für KW“, ins Gespräch vertieft. Die beiden Parteien haben sich in KW in einer Fraktion zusammengeschlossen. „Die Betroffenheit überwiegt und das Entsetzen über diese Tat“, sagt der 60-jährige Reimann. Man vertraue auf die Arbeit der Sicherheitsbehörden – und plädiere für Ehrlichkeit in der Kommunikation mit den Bürgern.

„Dazu gehört auch“, sagt SPD-Mann Scheetz, „zu sagen, dass es Vorfälle am Bahnhof gab, auch mit Flüchtlingen. Prügeleien und Messerstechereien zum Beispiel“. Darauf habe die Polizei aber mit erhöhter Präsenz reagiert, seitdem habe sich die Lage wieder beruhigt. Auch jetzt erhöht die Politik die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt: Bürgermeister Swen Ennullat, seit April im Amt, hat sich am Mittwoch gleich mit der Polizei getroffen. Die Präsenz von Polizei und Ordnungsamt werde erhöht, beide Behörden sollen verstärkt gemeinsam auf Streife gehen.

Möglicherweise rechte Demos

Scheetz und Reimann finden: Dank zivilgesellschaftlicher Initiativen laufe es ansonsten sehr gut mit der Integration in KW, es gebe ein „Sprechcafe“, das Neuankömmlingen Sprache und Kultur beibringe, auch Jobs für Flüchtlinge zu finden, sei hier – auch dank privater Vermittlung – oft leicht.

Die aktive Zivilgesellschaft halte auch ein anderes Problem klein, das noch vor einigen Jahren viel größer war: In den 90ern war KW ein Brennpunkt der Rechten. Bis vor zehn Jahren habe es immer wieder NPD-Aufmärsche gegeben. Aber die Anwohner von KW hätten sich den Demos entgegengestellt, immer wieder, bis die Nazis Lust und Geduld verloren hätten. Potenzial und altes Personal der Rechten seien zum Teil noch da, lebten noch in der Stadt, seien zurzeit auch in den sozialen Netzwerken laut. Scheetz traut der momentanen Ruhe nicht, er rechnet am Montag, zur Stadtverordnetenversammlung, mit rechten Demos und Protest. Schließlich stehe im nächsten Jahr die Kommunalwahl an, da wollten sicher einige profitieren. „Aber wir werden uns weiter gegen jede Instrumentalisierung stemmen.“