Berlin - Viele Kinder verlassen das Schulgebäude nur noch in Begleitung der Eltern, einige Schüler trauen sich nicht mehr allein auf die Toilette, und ein Vater bewacht seit Tagen als „Elternlotse“ mit Argusaugen den Schuleingang.

Die Verunsicherung ist groß an der Humboldthain-Grundschule in Gesundbrunnen, seit dort am 1. März ein unbekannter Täter eine Achtjährige auf der Schultoilette bedroht und sexuell missbraucht hat. Erst am Donnerstag ging die Staatsanwaltschaft mit dem Fall an die Öffentlichkeit.

Der gesuchte Täter, er soll etwa 30 Jahre alt sein, schloss das Kind demnach in der Schultoilette ein und konnte, obwohl Lehrer auf ihn aufmerksam geworden waren, unerkannt flüchten. Die Polizei bestätigte nun auch einen weiteren Vorfall: Anfang März hatte demnach ein unbekannter Mann an der Victor-Gollancz-Grundschule in Frohnau einem Mädchen auf der Toilette aufgelauert. Dort kam es aber nicht zu einem sexuellen Übergriff, wohl auch, weil eine weitere Schülerin auftauchte.

Schüler immer zu zweit unterwegs

Elternvertreter und Schulexperten entfachen nun eine Debatte, ob die Sicherheit für Kinder an den Berliner Grundschulen noch gewährleistet ist. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Günter Peiritsch, forderte Eltern auf, wachsam zu sein und sich „um Präventionsmaßnahmen in Schulen zu bemühen“. Der Landeselternausschuss brachte ins Gespräch, dass selbst Eltern in der Schule einen Besucherausweis tragen sollten, um sich zu identifizieren. Auch sei es womöglich sinnvoll, wenn Schüler während der Unterrichtszeit nur zu zweit im Hause unterwegs sein würden. CDU-Schulpolitikerin Hildegard Bentele sprach davon, je nach Fall dunkle Ecken an Schulen auszuleuchten und Schließanlagen anzubringen.

Das Gebäude der Humboldthain-Grundschule grenzt unmittelbar an den gleichnamigen Volkspark. Bislang war es möglich, über ein ungesichertes Tor auf den Schulhof und in die darum gruppierten Gebäude zu gelangen – auch in die Schultoilette in einem Anbau, wo das Verbrechen geschah. Nun hat die Schule gemeinsam mit dem Bezirk ihr Sicherheitskonzept überarbeitet.

Am Donnerstag waren Mitarbeiter der Handwerkerfirma Balzer dabei, einen robusten Schließmechanismus am Schultor zu installieren, der Eingang soll künftig nur noch über einen Hauseingang erfolgen. In den nächsten Wochen soll dort eine neue Schließanlage samt Videoüberwachung installiert werden, berichten Lehrer. Die Toiletten sind jetzt stets verschlossen, Schüler müssen sich die Schlüssel bei Lehrern oder im Schulsekretariat abholen.

Vater „Elternlotse“ als unterwegs

Die Schulleitung habe nach dem Überfall umgehend und schriftlich die Eltern der Schüler informiert, bestätigte die Bildungsverwaltung. In dem Schreiben heißt es grammatikalisch falsch und bürokratisch hölzern, dass „es heute in unserer Schule einen Übergriff zu Lasten einer Schülerin durch eine schulfremde Person gekommen ist“. Viel mehr konnte man damals offenbar noch nicht sagen, da das Opfers noch weiter vernommen und die Angaben überprüft werden mussten. Das Mädchen, das seither von Schulpsychologen betreut wird, fehlte zunächst nur etwa zwei Wochen lang in der Schule. Doch als jetzt Fernsehteams mit Kameras vor der Schule auftauchten, blieb es erschreckt durch den Medienauftrieb erneut der Schule fern.

Ein 38-jähriger Vater – er nennt sich Attila – patrouilliert seit vier Wochen täglich vor dem Schuleingang. Zunächst hätten viele Eltern etwas tun wollen, doch letztlich sei er der Einzige, der tatsächlich als „Elternlotse“ ständig vor Ort sei, sagte der kräftige Mann, der zwei kleine Kinder an der Schule hat.

Mutter Thabita Vasic holt ihren zehnjährigen Sohn von der Humboldt-Schule ab. Er wolle das zwar nicht, sagt sie, „aber ich habe Angst, dass so etwas Schlimmes noch mal passiert“.