Viele Menschen rechnen mit dem Schlimmsten. Sie drehen den Schlüssel zwei Mal rum, obwohl sie nur leere Flaschen zur Tonne bringen wollen. Sie nehmen keine Tramper mit. Der Regisseur von oben steht mit Koffer vor meiner Tür und erzählt extra laut von schmutziger Wäsche, die er zur Reinigung bringen muss. In Wahrheit signalisiert er mir wochenlange Abwesenheit wegen Dreharbeiten. Ich soll die Post rausnehmen und auf Einbrecher achten. Der Mann hält sich nicht für misstrauisch. Er spricht von „gesunder Skepsis“, von „Vorsicht“. Richtig zufrieden ist er aber erst, als ihm das Wort „Umsicht“ einfällt.

Es gibt ein selbstverständliches Vertrauen, ohne das nichts läuft

Misstrauen ist heutzutage eine empfohlene Strategie. Trau keinem Rentenbescheid, keiner Aktienprognose, keiner Kontaktanzeige. Denke an Fotoshop, wenn du vorteilhafte Fotos von Prominenten siehst. Halte es für möglich, dich im Web mit Social Bots auszutauschen – das sind Accounts, die menschliche Existenzen vortäuschen. Misstrauen ist angebracht und irgendwie auch cool.

Ich dagegen vertraue zu viel. Der Mensch kann sich, glaube ich, nicht wirklich grundsätzlich ändern. Freunde, die es gut mit mir meinen, sagen nicht, dass ich dumm wäre – sie sprechen mir gegenüber lieber von „Naivität“. Durch Geld verborgen habe ich viel Geld verloren. Einmal habe ich lange an einem Porträtbuch gearbeitet und konnte mich nicht mal auf einen Vertrag berufen, als der Porträtierte die Lust verlor.

Ich hatte gar keinen Vertrag: Weil ich mich so gut mit dem Verlagsleiter verstand, war ich mit einem Honorar erst bei Erscheinen des Buchs einverstanden gewesen. Zu den riskanten Empfehlungen meiner Bankfrau möchte ich nichts sagen, die Sache geht mir noch zu nah.

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“

Nichts davon spricht für mich. Nur ein paar Leute reagieren auch so. Es muss eine Art Veranlagung geben, die uns den Schalter für Skepsis aus dem Auge verlieren lässt.
Aber dass jetzt nicht jeder denkt, er könnte mich reinlegen. Ältere Menschen werden derzeit von Betrügern angerufen, die sich als Polizisten ausgeben. Die sprechen von schlimmen Einbruchserien in der Gegend und fordern ihr Opfer auf, Geld und Wertsachen an einen Polizisten zu übergeben. Der wartet vor der Haustür. Das wäre mir dann doch zu offensichtlich, und auf den berühmten Enkeltrick werde ich auch nicht hereinfallen, weil mein Enkelkind noch keine vier Jahre alt ist.

Das Wort „Vertrauen“ wird – außer in religiösen Zusammenhängen – von herabsetzenden Eigenschaftswörtern flankiert wie: „blindes“, „falsches“, übertriebenes“. Politiker beschwören „verlorenes Vertrauen“, das sie wiedergewinnen wollen. „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Auch dieser Spruch, er wird Lenin zugeschrieben, zieht das Vertrauen eine Stufe runter.

Dabei hält ein Grundvertrauen die Gesellschaft zusammen, es redet nur keiner darüber. Natürlich vertraut der normale Mensch den Busfahrern, den Piloten oder der Rechts-vor-links-Regel – es gibt unendlich viele Vertrauenserwartungen, ohne die nichts läuft.

Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca, 1 bis 65 n. Chr., formulierte einen zunächst sehr einleuchtenden Satz: „Es ist gleich falsch, Allen oder Keinem zu trauen“: Das klingt weise. Aber wie trifft man die Auswahl?