Der befürchtete riesige Ansturm auf die Insel Sylt ist vorerst ausgeblieben. Am Mittwoch waren die Züge in Richtung Nordseeinsel nur gemäßigt gefüllt, auch auf der Strecke von Berlin aus, bei der man in Schwerin, Hamburg und Itzehoe umsteigen muss. Die meisten Zuggäste hatten einen Sitzplatz, kaum einer musste stehen. Einzelne Punks, Aktivisten und Sauf-Touristen fanden trotzdem ihren Weg nach Westerland.

Viel wurde im Vorfeld spekuliert. Würde Sylt mit der Einführung des 9-Euro-Tickets am 1. Juni sogleich einem regelrechten Ansturm von Touristen ausgesetzt sein? Diese Sorge hatte zumindest vor einigen Wochen der Chef der kommunalen Marketinggesellschaft, Moritz Luft, ausgedrückt. In einem Interview sagte er, man sei für einen solchen Ansturm „nicht gerüstet“. In den Sommermonaten sei Sylt ohnehin zeitweise schon an der Kapazitätsgrenze.

Er bezog sich damit auf die meist überlastete Verkehrsinfrastruktur. Schon zu normalen Zeiten sind die Züge nach Sylt oft brechend voll. Auch Lebensmittel werden mit ihnen auf die Insel geschafft.

Im Netz aber reagierten viele User auf die Äußerungen Lufts mit Spott und Häme, teilweise auch mit Verachtung. Die Insel der Reichen, so schrieben einige, fürchte sich vor der Low-Budget-Kundschaft.

Niklas Liebetrau
Bisher wird Sylt noch verschont. Gruppen von Leuten trinken stattdessen am Strand.

„Saufen, Party machen, die Insel zerstören“

Auf Telegram und Facebook gründeten sich Gruppen, die zu den „Chaostagen 2022“ auf der Insel aufriefen: „Hey Leute, lasst uns zusammen mit Dosenbier und Hunden nach Sylt fahren und die Juppies ärgern“, schrieb ein Nutzer auf Telegramm. Dabei war bis heute nicht klar, wie ernst zu nehmen all das war. Und offenbar wissen das auch jetzt nicht mal die, die dem Aufruf in den Gruppen gleich gefolgt waren.

„Keine Ahnung was da heute passiert, wir wollen einfach saufen, Party machen und die Insel zerstören“, sagte ein junger Mann halb im Spaß, mit Dosenbier in der Hand, im Zug von Itzehoe nach Westerland. Er und sein Kumpel sind in der Nacht um 4.30 Uhr aus dem Vogtland in Sachsen aufgebrochen. Elfeinhalb Stunden mit der Regionalbahn bis Sylt. Weitere Gruppen seien auf dem Weg, sagte der Mann, viele seien es aber nicht.

Zwei Punks im Zug waren ähnlich ratlos, sprachen aber davon, ein Zeichen setzen zu wollen, dass Sylt auch für Geringverdiener zugänglich sein sollte.

Es könnte den Inselbewohnerinnen und -bewohnern heute möglicherweise eine etwas raue Nacht mit einigen Party-Touristen bevorstehen. Die befürchteten Massen an 9-Euro-Touristen aber bleiben wohl zunächst aus.

Mit dem anstehenden Pfingstwochenende könnte das schon bald ganz anders aussehen. Dann nämlich dürften deutlich mehr Menschen das neue Angebot der Deutschen Bahn wahrnehmen und der Insel einen Besuch abstatten.