In diesen Zeiten ist es schwer noch einen Flug zu finden.
Foto: dpa/Michael Kappeler

Die E-Mail der Airline erreichte mich, als ich das Homeoffice abends gerade schließen wollte. Der Flug von Manchester nach Berlin, den ich zwei Tage zuvor gebucht hatte, sei leider gestrichen worden. „Wir versuchen, Ihnen beim Fliegen immer das bestmögliche Reiseerlebnis zu bieten. Dennoch treten manchmal Situationen auf, die außerhalb unseres Einflussbereiches liegen.“ Nie ist mir Marketingsprache so sehr auf die Nerven gegangen.

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Wenn ich immer noch reisen wolle, könne ich umbuchen, schrieben sie weiter. Doch da war kein Flug mehr. Das heißt, sie erschienen noch im Kalender, aber jeder einzelne trug den Vermerk „annulliert“. Ich verspürte einen Anflug von Panik, denn das war nicht irgendein Flug. Es war der Heimflug meiner Tochter aus ihrem Auslandsjahr in Nordengland. Ihre Schule dort hatte wegen Corona für den Rest des Schuljahrs zugemacht, und wir wollten sie wieder bei uns haben. Ich suchte nach Bahnverbindungen.

Hoffnungslos überfüllt

Manche Züge schienen noch zu fahren. Die Fahrtzeit sollte 21.31 Stunden betragen, mit Umsteigen in York, London Kings Cross, Amsterdam, Zwolle, Hengelo, Rheine und Hannover. Eine andere Verbindung führte über Paris, Strasbourg und Offenburg, aber egal. Nur erschien neben jeder dieser Verbindungen ein Symbol mit drei roten, durchgestrichenen Männchen. Wenn ich es anklickte, kam die Botschaft, man solle einen anderen Zug buchen, wenn man noch keine Fahrkarte habe. Dieser sei hoffnungslos überfüllt.

Online konnte man die Fahrkarte nicht kaufen, man sollte in ein Reisebüro. Meine Tochter schrieb, die seien in ihrem Städtchen geschlossen. Zudem habe sie gehört, der Tunnel zwischen England und dem europäischen Kontinent sei zu. Eine schnelle Recherche auf der Webseite des hier verkehrenden Eurostars brachte keine Klärung. Sie erhielten derzeit Tausende von Anrufen und E-Mails und seien nicht in der Lage, diese schnell zu beantworten, schrieb der Chef persönlich.

„Wenn das alles ist!“

In meinem Kopf formte sich ein Gedanke, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich ihn einmal denken würde: Meine Tochter kommt da nicht mehr raus! Sie selbst sagte, sie habe gehört, der deutsche Außenminister würde sie holen. Ich sagte ihr, das gelte für gestrandete Urlauber in Marokko und Ägypten, aber wohl nicht für Austauschschüler.

Dann recherchierte ich noch einmal nach Flügen, auch wenn mir das aussichtslos erschien, und plötzlich gab es doch noch einen, am nächsten Tag: den allerletzten Flug von Manchester nach Berlin. Ohne den Vermerk „annulliert“. Der Abend verging, ohne dass die gefürchtete Mail der Airline kam, der Flug sei gestrichen. Am Morgen durchsuchte ich bang von fünf Uhr früh an den Posteingang auf eine Annullierungsmail: nichts. Meine Tochter fuhr zum Flughafen. „Mein Flug hat drei Minuten Verspätung“, schrieb sie. Ich antwortete: „Wenn das alles ist!“

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