Berlin - Es könnte heute passieren. „Es könnte auch morgen passieren“, sagt Siegfried Hullin. Die Angst, dass er einen Unfall mit einem Radfahrer erlebt, ist immer da. Trotz der vielen Erfahrungen, die er seit 1980 in seinem Beruf als Kraftfahrer gesammelt hat. Trotz der Routine, trotz aller Vorsicht. Bislang hat Hullin keine solchen Unfälle erlebt, wie sie sich kürzlich wieder einmal zugetragen haben.

Am Dienstag wurde in Schöneberg eine 52-jährige Radfahrerin von einem Lastwagen getötet, am Mittwoch starb eine Zehnjährige in Brandenburg ebenfalls unter einem Lkw, der rechts abbog. „Ich hoffe, ich weiterhin unfallfrei fahre“, sagt Hullin und startet den 40-Tonnen-Sattelzug. Die Fahrt beginnt.

Schlechtes Image

„Ich habe den Eindruck, dass manche Menschen denken: Wir sind böse.“ Langsam fährt Hullin den grün-weißen Lkw der Firma Sünkler Spedition und Transportlogistik vom Hof und biegt in die Breitenbachstraße ein. „Dabei gäbe es ohne uns kein Nutella zu Hause, kein Mineralwasser, kein Paket aus dem Onlinehandel.“

Michael Sünkler, geschäftsführender Gesellschafter des 1929 gegründeten Familienunternehmens mit 20 Lkw und 30 Beschäftigten, schaut ihm nach. Auch der 49-Jährige weiß: Nicht erst seit den jüngsten Unfällen hat die Transportbranche ein Imageproblem. „ Wenn ich auf der Autobahn zwischen Lkw im Stau stehe, ärgere ich mich auch. Aber für die Versorgung sind wir unentbehrlich. Und natürlich sind wir alle schuld daran, dass der Lkw-Verkehr weiter zunimmt. Immer mehr Waren werden im Internet bestellt.“

Tempo, Tempo!

Siegfried Hullin hat den Tempomat eingeschaltet, maximal mit Tempo 43 rollt der Sattelzug über die Wittestraße in Borsigwalde. Ein Auto überholt, der Pkw-Fahrer ist ungeduldig. Der Abstandsregler des Lkw veranlasst eine Bremsung. „Immer sind alle in Eile, immer muss es schnell gehen. Und dann schalten manche ihr Hirn nicht ein“, so Hullin. „Viele machen sich nicht klar, was wir für Fahrzeuge steuern.“

Auch Radfahrer scheinen das nicht zu wissen, sonst wären sie vorsichtiger. Lkw haben lange Bremswege, im Umfeld gibt es tote Winkel, die der Fahrer nicht oder nur schwer einsehen kann. Bei dem Sattelzug, den Hullin fährt, ist er vor der A-Säule vorn rechts. Wer sich darunter aufhält, wird nicht gesehen.

Sechs Außenspiegel hat der 40-Tonner, zwei vorne links, vier rechts und vorne rechts. Sie erfassen einen großen Teil des Umfelds, aber eben nicht alles. Hinzu kommt: In den Spiegeln sieht Hullin alles viel kleiner als in der Wirklichkeit. Wenn es dann noch regnet oder wenn es dunkel ist, wird es schwierig, die ganze Breite zu erfassen. Als sich am Dienstagmorgen der tödliche Rechtsabbiegeunfall in Schöneberg ereignete, war es noch dunkel.

Plötzlich ist das Rad da

Die Ampel springt auf grün. Vorsichtig steuert Siegfried Hullin den Sattelzug nach rechts in die Holzhauser Straße. Der 60-Jährige folgt einer Routine, die er viele Tausend Male praktiziert hat. „Fahrer haben viel zu tun, wenn sie abbiegen“, erklärt sein Chef. „Sie müssen richtig rotieren“ – erst links und in die linken Spiegel schauen, dann rechts, dann wieder links, wieder rechts. „Wenn dann alles frei zu sein scheint und endlich abgebogen werden kann, kommt es vor, dass dann plötzlich ein Radfahrer angeschossen kommt.“ Oder dass eine Fußgängerin auf die Fahrbahn läuft, wie kürzlich in Wedding, wie Siegfried Hullin erzählt. „Eine Frau mit Kinderwagen und drei Kindern!“

Siegfried Hullin hat es oft erlebt, dass unversehens rechts ein Radfahrer auftaucht, der noch schnell vorbeifahren will – obwohl der Lkw schon dabei ist, rechts abzubiegen. Plötzlich ist das Rad da, neben dem 40-Tonner, fast unsichtbar unter der Fahrerkabine, in der er mehrere Meter hoch über der Fahrbahn sitzt. „Ich bin selber viel mit dem Rad unterwegs“, sagt der Berliner. „Wenn mir ein Lkw oder ein Bus zu nahe kommen, bremse ich lieber.“ Er ärgert sich oft über Radfahrer – auch wenn sie bei Rot oder im Dunkeln ohne Beleuchtung fahren.

Risikoreiche Missverständnisse

Dabei ist Vorsicht auch aus einem anderen Grund geboten, sagt Sünkler. Einige Fahrmanöver können falsch verstanden werden, und dann werde es richtig gefährlich. „Zuweilen ist es nötig, links auszuholen, damit man rechts um die Ecke kommt. Das wird nicht selten falsch interpretiert.“ Manch einer glaubt dann, dass der Lkw geradeaus oder nach links will.

„Es gibt Situationen, da frage ich mich: Warum pocht der Radfahrer auf seine Vorfahrt, auf sein Recht?“, sagt Michael Sünkler. Warum schlängelt er sich rechts am Lkw vorbei? „Man kommt weiter, wenn man defensiv fährt.“

Schuld und Sühne

Kraftfahrer müssen mehr leisten als früher, der Druck ist größer geworden, sagt der Spediteur. Inzwischen ist Nachwuchs rar, allein in Berlin sind tausend Stellen unbesetzt. Der Altersdurchschnitt steigt, die meisten Fahrer sind heute 40 bis 60 Jahre alt – und sie sind sehr erfahren. „Kraftfahrer sind pro Jahr im Schnitt 110.000 bis 125.000 Kilometer unterwegs, fast alle fahren Tag und Nacht unfallfrei. Denen kann man nicht unterstellen, dass sie unachtsam sind“ – wenn es dann doch zu einem Unfall kommt.

Sünkler lehnt pauschale Schuldzuweisungen ab. „Der Verkehr in Berlin ist wesentlich dichter geworden. Wir müssen uns den Raum mit immer mehr anderen Fahrzeugen teilen, der Zustand der Straßen in Berlin ist oft katastrophal. Kein Wunder, dass der Stress zunimmt“, sagt er.

Hullin überholt einen Radfahrer. An der A-Säule neben der Beifahrertür leuchtet ein gelbes Dreieck auf. Das ist der Abbiegeassistent, mit dem der Sattelzug B S 7830 ausgestattet ist – immer noch eine Seltenheit. Sensoren kontrollieren die Längsseiten. Kommt jemand nahe, leuchtet es in der Kabine erst gelb, dann rot – und ein Warnton ertönt. Die Technik ergänzt den Abstandhalter, der vorn aufpasst. Ist der Tempomat eingeschaltet, und ein Hindernis taucht auf, veranlasst dieses Assistenzsystem automatisch eine Bremsung.

Lob für den Assistenten

Noch sind Abbiegeassistenten in Deutschland nicht Pflicht. Doch Michael Sünkler schafft die Technik trotzdem jetzt schon an. Der Actros-Sattelzug von Mercedes-Benz, den Sullin steuert, hat sie schon, ein Volvo-Lkw verfügt über eine abgespeckte Version.

Alle Lkw, die Sünkler in Zukunft kauft, werden ebenfalls Abbiegeassistenten haben. „Ich verstehe mich als innovativen Unternehmer, außerdem bin ich an Technik interessiert. Und diese Technik ist gut. Sie hilft dem Fahrer wirklich“ – anders als noch mehr Spiegel. „Natürlich kostet das alles Geld, die monatlichen Leasingraten sind zehn, 20 Euro höher als sonst. Aber so viel sollte einem mehr Sicherheit schon wert sein.“