Von diesem Sonnabend an ist die Friedrichsstraße autofrei - für fünf Monate.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinJetzt geht’s los: Nach langen Monaten der Diskussion und Planung, des Streits und der Verzögerung wird am Sonnabend die verkehrsberuhigte Friedrichstraße den Berlinern übergeben. Bis Ende Januar darf die Straße an den meisten Stunden des Tages nur noch von Fahrrädern und Rettungsfahrzeugen genutzt werden. Die mittelfristige Hoffnung ist, dass die eben noch laute, graue, steinerne und schmale Friedrichstraße mit ihren engen Bürgersteigen ein attraktiver und belebter Boulevard für Menschen wird. Das Ziel dahinter ist nichts weniger als die Rettung einer teuren Einkaufsstraße, die seit Jahren scheinbar nur eine Richtung kennt: nach unten. Es ist ein Projekt.

Am Freitagvormittag werkelten auf dem Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße die Handwerker. 65 Bäume in Pflanzkübeln mussten aufgerichtet, sechs Parkletts zum Sitzen gezimmert, fünf gläserne Werbe-Kästen für Händler aufgestellt werden. Schnell musste es jetzt gehen, schließlich haben sich für Sonnabend, 13 Uhr, Verkehrs- und Umweltsenatorin Regine Günther sowie Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel zum Rundgang angekündigt. Die Eröffnungsfeier wurde dann aber wegen der Corona-Demo in der Nähe kurzfristig abgesagt. 

Die beiden Grünen-Politiker sind so etwas wie die Geburtshelfer des Straßenprojekts. Sie haben gegen Widerstände mancher Geschäftsleute, dem Einzelhandelsverband und der Industrie- und Handelskammer (IHK) ein radikales Verkehrskonzept durchgezogen: raus mit Autos und Lastwagen, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Lieferzonen gibt es in den Seitenstraßen. 80 Parkplätze fallen weg – es bleiben mehr als 1400 in den anliegenden Parkhäusern. Der Starttermin wurde berlintypisch gerissen. Unter anderem, weil das Verkehrskonzept noch nicht wasserdicht war, konnte der ursprünglich anvisierte Termin, der Sommeranfang am 21. Juni, nicht gehalten werden.

Nun fällt der Start in den Spätsommer. Das erinnert ein wenig an vergangenes Jahr. Da war die Friedrichstraße schon einmal für motorisierten Verkehr gesperrt, allerdings nur für zwei Tage. Am ersten Oktober-Wochenende 2019 hieß es: Friedrich, the Flâneur. Zehntausende Neugierige waren unterwegs, viele von ihnen schienen die Straße erstmals für sich zu entdecken. Zufriedene Händler sprachen von einer Stimmung wie auf einem Straßenfest.

Einer der Hauptgründe für die Debatten zieht sich jetzt mitten durch das Ensemble der Stadtmöblierung, das nun für Aufenthaltsqualität sorgen soll, hindurch: ein etwas mehr als vier Meter breiter Fahrstreifen, abgegrenzt durch gelbe Linien – die sogenannte Safety Lane, eine sichere Fahrradspur. Nur Fahrräder und Rettungswagen dürfen dort fahren, die Fahrräder maximal mit Tempo 20. Nur an der Kronenstraße dürfen in Randzeiten Lieferfahrzeuge den Boulevard kreuzen.

Bis zuletzt war die Safety Lane umstritten. Sie trenne die Straße mittig, heißt es in einer Stellungnahme der IHK. Und weiter: „Die Verkehrssenatorin hat einen Radschnellweg durchgesetzt.“ Potenzielle Kunden hätten nicht ausreichend Möglichkeit, die Straßenseite zu wechseln, gemütliches Bummeln sei so nicht möglich.

Am Freitag und an den Tagen zuvor waren vor allem Menschen in der Straße unterwegs, die das Projekt begrüßen. Ingolf Hunger etwa, seit 18 Jahren Mitinhaber der Apotheke Q205 im noblen aber ziemlich menschen- und damit leider auch kundenfreien Quartier 205. Das Einkaufszentrum ist aber nur ein Beispiel. Schätzungen und Zählungen besagen, dass der Straßenabschnitt – und damit auch die meisten Läden – in den vergangenen zwei Jahren von 80 Prozent weniger Menschen besucht wurde. „Wir erwarten eine Wiederbelebung der Straße“, sagt Hunger und macht sich daran, auf dem Bürgersteig einen Kräutergarten anzulegen, den er zusammen mit einer Kita in der Nachbarschaft pflegen und betreiben will.

Vincent Veltjens, Store-Manager des dänischen Möbelhauses Bo Concept, ist einer der ersten Mieter eines der fünf gläsernen Werbe-Showcases am Straßenrand – bis Mitte September sollen es zehn sein. Zwei hochwertige Sessel müssten in das vier Quadratmeter große gewächshausartige Gestell passen, hat er ausgerechnet. Veltjens hofft sehr auf eine verkehrsberuhigte Straße. „Das ist seit Jahren überfällig“, sagt er. Bo Concept ist seit zwölf Jahren an der Friedrichstraße zu Hause.

Doch es gibt auch Kritiker wie Michael Krumreich, der seit 13 Jahren ein Steuerberater-Büro in der benachbarten Charlottenstraße betreibt. „Ganz grausam“, findet er das Konzept: „Wer geht denn schon zu Fuß zu Wempe? Wer fährt mit dem Rad zu Bucherer oder Gucci?“, fragt er.

Auch von den Antworten auf solche Fragen hängt ab, ob das Projekt am Ende als Erfolg gewertet wird. Und ob die Friedrichstraße auch im Februar 2021 noch autofrei ist.