Berlin - Welche Botschaft überbringt die Vergangenheit den Neugestaltern der historischen Mitte Berlins? Prof. Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, zugleich Berliner Landesarchäologe, will, dass die Reste der Jahrhunderte alten Stadt deutlich zu ihren Bürgern sprechen. Weite und Grün ausgerechnet in der historischen Mitte – das werde dem urbanen Anspruch nicht gerecht.

Was teilt uns  der Fund des Sarkophags Konrad von Burgsdorffs mit?

Er erinnert daran, dass diese Stadt eine Tradition hat. Berlin ist doch nicht immer wieder neu erfunden worden. Es gibt eine Basis und Menschen, die sie gestalteten. In Konrad von Burgsdorff sehen wir einen konkreten Menschen und seine Handlungen. Mit dem Fund tauchen wir ein in den Beginn der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, als Berlin nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder wächst und bald Sitz eines Königs wird.

Sehen die politisch Verantwortlichen die Chancen, die die Einbeziehung der Geschichte der Stadt in die Neugestaltung bietet?

Es gibt in der Öffentlichkeit ein stark wahrnehmbares Interesse an Geschichte. Das nimmt auch die Politik wahr, und das spielt in der Stadtplanung zunehmend eine wichtigere Rolle. Berlins Wachstum zu verstehen ist ja viel schwerer als das jeder anderen deutschen Stadt; kein anderes Zentrum wurde derart abgeräumt. Berliner wie Besucher haben das Gespür dafür verloren, wo das Zentrum ist, wo markante Bereiche liegen, von wo Entwicklung ausgeht. Das kommt jetzt mit dem Schloss wieder. Aber wir müssen auch die Erinnerung daran schärfen, dass Berlin nicht von Anfang an eine Residenzstadt war, sondern eine des sehr erfolgreich wirtschaftenden Bürgertums. Eigentlich ist es ja so: Berlin war eine wirtschaftlich so erfolgreiche Stadt, dass die Kurfürsten ihren Sitz hierher verlegten – gegen den Bürgerwillen.

Wie wäre das zu vergegenwärtigen?

Wir hatten die wichtige Ausgrabung am Petriplatz – die Menschen fingen an, sich in großen Scharen für die Entstehung der Stadt zu interessieren. Alle waren überrascht: Auf diesem öden Verkehrsraum, da soll einmal ein Zentrum von Berlin gelegen haben? Da standen Kirche und Rathaus? Eine Doppelstadt? Als die Funde vorlagen, wurde alles real.

Was empfinden Sie, wenn Sie diese alte Mitte heute sehen?

In vielen Bereichen finde ich es einfach zerschlagen. Man merkt jeder Stelle an, wie übel ihr mitgespielt wurde. Die bewusste Negierung historischer Strukturen bei der Neuplanung ab 1965 hat alles erst richtig zerstört. Berlin war im Krieg übelst getroffen – aber die Straßenstrukturen waren noch da. Erst als man gegen diese arbeitete, die riesige Verkehrstrasse über den Molkenmarkt legte ohne Rücksicht auf andere Bereiche, und das Freifeld zwischen Rathaus und Marienkirche schuf, da ging die Struktur der Stadt verloren.

Nun soll die Straßenführung geändert werden, ein neues Viertel am Molkenmarkt entstehen. Geht das in die richtige Richtung?

Ja, an der Stelle braucht man eine Zurücknahme dieser massiven Verkehrsflächen. Die schönen noch vorhandenen Tangentialstraßen – Jüdenstraße, Klosterstraße – müssen in ihrer Wahrnehmbarkeit gestärkt werden. Durch Bebauung ist die Struktur eines Viertels zu schaffen. Ein leerer Raum in der dortigen Dimension wird immer als unwirtlich empfunden. Die interessanten Strukturen und Gebäude wie in der Parochialstraße, an der Letzten Instanz, der Stadtmauer, der Franziskanerklosterkirche, sind so hart abgeschnitten, dass man kaum hinkommt. Das lässt sich nur ändern, indem man auf alte Strukturen Bezug nimmt, bebaut, verdichtet. Die Stadtplanung hat hier mit dem Bebauungsplan gute Voraussetzungen geschaffen.