Bei Unterhaltungen über Politiker wird der Ton immer rauer.
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BerlinAuf meinem Schreibtisch liegen viele Zeitungsausrisse und Zettel. Zwei Stücke Papier suche ich, als ich nach Hause komme. Der Tag hat mich durch die ganze Stadt geschickt, da schnappt man viel Gespräch auf. Kuriose Dialoge, Intimitäten und Erregung satt. An diesem Tag habe ich sehr viel Geschimpfe über Politiker gehört. So viel, dass man den Eindruck bekommt, keiner von „denen“ macht irgendetwas richtig. Im Gegenteil. Eigentlich müssten alle sofort abtreten.

Millionen Menschen bewerten

Bloß: Wer macht die Arbeit dann? All die Erzürnten sicher nicht. Die meisten Abgeordneten im Berliner Rathaus, habe ich mal gelesen, arbeiten 70 bis 80 Stunden die Woche. Anlass der Berichterstattung war der Zusammenbruch zweier Politiker. Was ich mir noch belastender vorstelle als Nacht-Sitzungen und Entscheidungen zwischen Pest und Cholera: dass diese, sowie jeder Satz, den ich sage oder nicht sage, von Millionen Menschen bewertet werden. Und zwar selten wohlwollend.

Fehlentscheidungen verdienen Kritik, Skandale Empörung. Aber nicht jeder Kompromiss ist ein Skandal. Ich verzweifle selbst oft am Handeln und noch öfter am Nichthandeln „derer da oben“. Doch dann denke ich daran, dass in den meisten dieser Ministerinnen, Abgeordneten, der Kanzlerin und den Bürgermeistern Menschen stecken, die Tag für Tag das Beste wollen fürs Land, für die Welt, für alle. Was nur scheitern kann – um das zu wissen, muss man nicht regieren. Ich stelle mir vor, in meiner Familie würde jeder misslungene Spagat zwischen widerstreitenden Interessen mit Spott quittiert.

Schwierige Arbeit wird wenig geschätzt

Oder mit Hass. Laut einer Umfrage hatten 64 Prozent von 2500 befragten Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern hierzulande schon unter Bedrohungen und Gewalt zu leiden. Ein Drittel von ihnen will sich nicht wiederwählen lassen. Die bemerkenswertere Nachricht ist, dass zwei Drittel weitermachen wollen. Trotzdem.

Die Leute, die ich an diesem Tag habe reden hören, sahen nicht aus wie Menschen, die spucken oder Scheiße vor Haustüren kippen. Ich glaube aber, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl bei den Hetzern und Gewalttätigen, das zu dürfen, und dem Ton, in dem über Mandatsträger gesprochen wird. Das macht mir Angst, denn wenn eine so schwierige Arbeit so gering geschätzt wird, machen sie bald nur noch die, an denen alles abprallt, weil sie selber gerne poltern.

„Gestatten Sie ...“

Die zwei Papiere, die suche, sind: ein Artikel, in dem ein Redakteur dieser Zeitung erklärt, warum Verkehrsplanung und die Umsetzung der Pläne manchmal dauern und um Verständnis wirbt. Und ein Zettel, auf dem ich mir einmal die zwei Worte „Gestatten Sie ...“ notierte. Ein Mann bat mich im Konzert auf diese Weise aufzustehen und ihn vorbeizu lassen. Beides hat mich froh gemacht und soll mich an diesem Tag voller Ungnädigkeit trösten. Doch genau besehen sind die Papierfetzen traurige Zeugnisse. Habe ich sie doch aufgehoben, weil mich die öffentlich geäußerte Nachsicht und die Höflichkeit so überrascht haben.