Als Michel Stumpe und seine Frau nach Berlin zogen, brachten sie ihr Auto mit. Doch schon bald stellte sich heraus, dass das Nonsens war. „Unser Auto stand drei Monate fast ungenutzt herum“, erzählt der 31-Jährige. Um die Stadt zu entdecken, fuhr das Paar lieber Rad. Als es 160 Euro zahlen musste, weil die Straße vorübergehend zur Halteverbotszone erklärt worden war und die Polizei den Wagen abschleppen ließ, hatten die beiden genug. Das Auto wurde verkauft.

„Es ist Unsinn, in Berlin ein eigenes Auto zu haben“, sagt Stumpe. Dass er so denkt, ist nicht verwunderlich: Das Unternehmen, das er mit seinem Mitstreiter Fabian Kofler leitet, verdient sein Geld mit Menschen, die ebenfalls ohne eigenen Wagen auskommen.

Buchung und Öffnen per Fingertipp

Es sind Menschen, die trotzdem mobil bleiben wollen. Carsharing macht das möglich, und die App Carjump erleichtert den Zugang zu dieser Art der Mobilität. Sie zeigt, wo welche Carsharing-Autos stehen. Mit weiteren Fingertipps können registrierte Nutzer ihr Wunschauto buchen und oft auch öffnen. Carjump ist ein Angebot der Kreuzberger GHM Mobile Development GmbH, bei der Stumpe Geschäftsführer und Investor ist. „Wir möchten der Schlüssel für jedes Carsharing-Auto sein“, sagt er.

Um das Wachstum dieses Wirtschaftszweigs voranzutreiben, sei er genau am richtigen Ort, so Stumpe. „Berlin ist die Welthauptstadt des Carsharings, Berlin ist die Boomtown der Branche.“ Das habe mit Einstellungen zur Mobilität zu tun, die hier besonders verbreitet sind.

Mit dem eigenen Pkw verdienen

„Junge Menschen haben oft kein Interesse mehr daran, ein eigenes Auto zu besitzen“, sagt er. Kosten seien ein weiteres Argument: Wer kein Privatauto bezahlen und unterhalten muss, spart meist viel Geld. Und dann sei da noch die Bequemlichkeit: „Ein Carsharing-Auto muss ich nicht selbst in die Waschstraße fahren, das Benzin zahlt jemand anders, die Parkgebühr in Berlin auch. Hinzu kommt, dass das große Angebot an solchen Autos ebenfalls der Bequemlichkeit nützt.“

In der Tat: Wohl in keiner anderen Stadt stehen so viele Fahrzeuge für die gemeinschaftliche Nutzung bereit. Rund 2500 Autos warten in Berlin auf Straßen, Plätzen und an den Flughäfen auf registrierte Kunden, so der Carjump-Chef. „Free Floating“ heißt diese Form des Autoteilens. Weitere tausend Fahrzeuge warten an Stationen auf Mieter – die traditionelle Form des Carsharings. Inzwischen ist eine dritte Spielart dazugekommen: Privatpersonen stellen ihr Auto anderen Privatpersonen zur Verfügung. Mit dem eigenen Auto Geld verdienen – bei den Insidern heißt das Peer-to-Peer-Carsharing.

„Es ist ein Bereich, der in Berlin besonders stark wächst“, sagt Stumpe. „Er trägt dazu bei, dass sich die Fahrzeugdichte immer weiter erhöht – auch in Stadtteilen, in denen andere Anbieter keine Autos bereitstellen.“

Die Auswahl ist groß

Michel Stumpe, der in Prenzlauer Berg unweit vom Mauerpark wohnt, ist mit seinem Rennrad zum Gespräch gekommen. Er zückt sein Telefon und tippt auf die App. Einige Dutzend Punkte erscheinen auf dem Display: So viele Autos und Elektroroller stehen im Umkreis zur Verfügung – die Auswahl ist groß.

„Die Nutzer können das Angebot filtern – zum Beispiel, wenn sie ausschließlich elektrisch fahren wollen“, erklärt Stumpe. Die App informiert sie auch darüber, um welche Fabrikate es sich handelt, wie der Tankstand ist und wie viel die Nutzung kosten wird. Mit den Provisionen, die von den Carsharing-Firmen gezahlt werden, verdient Carjump Geld. Wenn sich ein Kunde für einen Anbieter registriert, wird ein Betrag fällig – und dann jedes Mal, wenn er ein Fahrzeug bei ihm bucht.

Allein in Berlin haben bereits rund 150.000 die kostenlose App auf ihrem Mobiltelefon, so Stumpe. Sie funktioniert nicht nur in Deutschland – auch Carsharing-Angebote in Österreich, Italien, Schweden und Großbritannien werden erfasst.

Bewerbungen aus London

24 Beschäftigte hat das Unternehmen in der Zossener Straße, 16 von ihnen sind Entwickler. „Zwölf Nationalitäten sind bei uns vertreten“, sagt der Carjump-Chef. Er stammt aus Melle in Niedersachsen und hat nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Rotterdam in vielen Städten gearbeitet – auch in London, von wo aus neuerdings viele Bewerbungen bei ihm eintreffen. Sie stammen von Computerexperten, die in Großbritannien keine Zukunft mehr für sich sehen. Polen und andere Nicht-Briten erleben dort in zunehmendem Maße Anfeindungen, die Stumpe als „grenzwertig rassistisch“ bezeichnet.

Auch andere junge Berliner Unternehmen bekommen Bewerbungen aus Großbritannien, sagt er: „So gesehen wird sich der Brexit für Berlin als Segen erweisen.“ Die Stadt sei attraktiv: „Deutsche Arbeits- und Projektkultur, Berliner Preisniveau, Berliner Lebensqualität – das passt gut zusammen. Eine ideale Kombination. Ich lebe gern hier und möchte nicht mehr weg.“

Manchmal zieht es aber auch ihn in die Ferne. Kürzlich fuhr er mit seiner Frau für ein Wochenende nach Rügen – natürlich mit Hilfe der App, in einem Auto von Stadtmobil. Wäre ein Mietwagen nicht billiger gewesen? „Carsharing ist immer günstiger als ein Mietwagen“, sagt Stumpe. „Das Benzin ist im Preis bereits enthalten. Beim Mietwagen kommt es zu den Mietkosten hinzu.“ Dann schwingt er sich wieder auf sein Rennrad. Ab ins Büro.