Es ist schon spät, als ich am Savignyplatz ins Taxi steige. Der Wein floss reichlich beim Essen, und ich will nur noch nach Hause. Der Freund hat mich eingeladen, also habe ich Geld übrig für eine wundervolle, schweigsame Nachtfahrt. Doch die Stadt hat mal wieder andere Pläne. Der Fahrer wirkt noch munter, doch als ich „Weißensee“ sage, fällt er förmlich in sich zusammen und sagt: „Och nö, echt jetzt?“ Er wirkt so bekümmert, dass ich gar nicht auf die Idee komme, ihm diese mindestens ungewöhnliche Reaktion übel zu nehmen. „Ich dachte, sie wollen nur hier ums Eck. Meine Freundin und ich wollten etwas essen gehen.“ Sie könne doch mitfahren, sage ich. „Da, wo ich wohne, gibt es auch Lokale.“

Der Fahrer ist begeistert. Er ruft sie an, nennt sie „Baby“ und erklärt mir, während wir warten, sie lackiere sich noch die Nägel. Das Taxameter laufe für diese Zeit nicht weiter. Er fragt nach meinem Namen und sagt, er heiße Tom*. Als sie herunterkommt, öffnet er ihr galant die Tür, und sie lässt sich mit einem werbespottauglichen Haarschwung auf den Vordersitz fallen. „Hallo, ich bin Sina*“, sagt sie. Tom fährt mit so viel Schwung los, dass man denken könnte, es gäbe kein schöneres Ziel als Weißensee. Auf der Fahrt reden die beiden über Haustiere. Tom möchte keines, es sei denn eine Schlange. Sina hätte gern eine Katze. Meinen Vorschlag, ein Meerschweinchen anzuschaffen, finden sie als Kompromiss ungeeignet und haben irgendwie recht. Sie erzählen mir, dass sie seit drei Jahren zusammen sind und sich in diesem Taxi kennengelernt haben. Tom beendet jeden Satz mit „Baby“ und Sina scheint es zu mögen. Vor lauter Glück vergisst er fast zu kassieren. Meine Müdigkeit ist verflogen.

Einige Tage später fragt mich im Bus nach Moabit ein junger Mann, ob er sich neben mich setzen dürfe. „Natürlich“, sage ich. Er setzt sich und springt wieder auf, um einer fülligen Frau den Platz anbieten. Die fährt nur eine Station. Wieder fragt er mich um Erlaubnis, sich zu setzen. Auf seinem Smartphone plingen im Minutentakt Glückwünsche. Zwischendurch sieht er sich ein Video an. Die Kinder singen „Happy Birthday“. Mir liegt auch ein Glückwunsch auf der Zunge, aber ich bin zu schüchtern. Dabei können doch freundliche Worte gerade nicht genug ausgesprochen werden. Als ich aussteige, sagt er: „Alles Gute für Sie.“ Was für eine Vorlage. „Für Sie auch“, sage ich. Und: „Alles Gute zum Geburtstag.“ Er wird noch röter. Fortsetzung folgt.