Die „blaue Stunde“ kannte ich bisher nur abends. Es gibt sie aber auch morgens, lehrt mich dieser Winter. Da ich eine neue U-Bahn-Strecke für den Weg zur Arbeit gewählt habe, stellt sich mir die Natur überraschend anders dar. Auf dem Abschnitt zwischen Bülowstraße und Gleisdreieck verspottet die U(ntergrund)-Bahn ihren Namen und fährt einfach oben  über Brücken-Gleise. Ich sehe den Himmel, und der ist jetzt in diesen Tagen gegen kurz vor 8 Uhr strahlend blau: magische Momente, die mir den müden Morgen verzaubern. 

Unten der hässlichste Park Berlins, oben bildschön samtig blauer Himmel und heute noch ein (Fast-)Vollmond mit 99 Prozent. Damit ist der Tag gut, jetzt kann kommen, was will, dieser besondere Augenblick ist eingebrannt ins Hirn.

Das Naturwunder „blaue Stunde“ hat seine Ursache in purer Physik, lehrt mich die Internet-Recherche. Auf Wikipedia heißt es: „Prinzipiell besteht ein Zusammenhang zwischen dem Tiefenwinkel der Sonne und der spektralen Zusammensetzung des Himmels. Die charakteristische blaue Färbung entsteht typischerweise, während sich die Sonne zwischen 4 und 8 Grad unterhalb des Horizonts befindet.“ Das geschieht zweimal am Tag, morgens und abends.

Erinnerungen an Sommerabende auf dem Sonnendeck

Versonnen schaue ich also aus der U2 in den vorbeifliegenden Park, in den Ohren das leise Brummen der eiligen Bahn, erhasche einen langen Blick auf das hölzerne Sonnendeck über dem Tunnelmund der Fernbahn im Westpark. Sehnsüchtige Erinnerungen an Sommerabende auf dem Holz mit Blick auf die weißen Hochhäuser, auch da die Blaue Stunde, aber abends. Die wurde begleitet von alkoholfreiem Bier vom nahegelegenen Biergarten. Einen Feierabendler sah ich mit einem Weckglas, orange Flüssigkeit drin - Aperol? Er schraubte es auf und genoss in kleinen Schlucken. Ebenfalls vor Ort waren sich balgende, miteinander auf Deutsch, Englisch, Türkisch oder Arabisch balzende Jugendliche und viele Ältere mit Musik im Ohr. 

Eine romantische Zeit, die Blaue Stunde, natürlich ist sie das Richtige, um ein Gedicht daraus zu schmieden. Ingeborg Bachmann (1926-1973) schreibt: „Gesellig die Lampen im blauen Licht, bis der Raum mit der vagen Stunde bricht“. Oskar Loerke (1884-1941) dichtet: „Der Himmel fließt in steinernen Kanälen; Denn zu Kanälen steilrecht ausgehauen, sind alle Straßen, voll vom Himmelblauen.“