„Sie hatte es sich anders vorgestellt.“ Draußen tobte der Erste Weltkrieg, man brauchte ihre Arbeit, nun saß sie, Rosa Luxemburg, im „Weibergefängnis“ in der Barnimstraße. Zu Isolation und Passivität verurteilt, durchlitt sie die Kriegsgewalt als übermächtige Halluzination, wie ein Gespenst, das sich ihrer bemächtigte.

So beginnt „Karl und Rosa“, der dritte und letzte Teil von „November 1918“, Alfred Döblins monumentalem Erzählwerk über die deutsche Revolution. Drei umfangreiche Bände lang wendet sich der Schriftsteller und Stadtforscher Döblin (1878–1957) den Herbst- und Wintermonaten 1918/19 in Berlin zu.

Er legt die Ereignisse vom Kriegsende bis hin zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg erzählend unter ein Vergrößerungsglas. Mit höchster Genauigkeit und aus den Perspektiven unterschiedlichster Figuren erstellt er ein Bild dieses „historischen Moments“, der – wie Döblin nahelegt – nicht nur das Scheitern der Weimarer Republik, sondern auch NS-Zeit und Krieg schon in sich trug.

Karl und Rosa

„Man kennt Rosa Luxemburg ja aus ihren Briefen als eine ganz Sensible, Traumnahe“, sagt der Döblin-Experte Michael Bienert über „Karl und Rosa“, „Döblin musste da nicht viel hinzuerfinden.“

Bienert, der als literarischer Stadtführer schon seit 1990 den Spuren Franz Biberkopfs durch Berlin folgt, hat aktuell einen Stadtspaziergang zu Döblins Revolutionsepos konzipiert. Der Autor, der auch als Nervenarzt praktizierte, gehört zu seinen liebsten: „Mit Alfred Döblin kann man Berlin bis in die hintersten Winkel und bis in die seelischen Abgründe entdecken.“ Und so erschließt sich im Gehen, Schauen und Zuhören auf relativ kleinem Radius um den Schlossplatz herum ein in seiner Tragweite viel zu wenig bekannter Abschnitt deutscher Geschichte.

Es ist diese Weite der Perspektive, die „November 1918“ auch im Döblin’schen Werk zum literarischen Sonderfall macht. Während Döblin für „Berlin Alexanderplatz“ (1929) der „Wirklichkeit“ seines Berlin hautnah auf den Fersen war – Franz Biberkopfs Geschichte setzt im September 1927 ein –, schaut er für „November 1918“, das Geschichtsepos und mythische Irrfahrt zugleich ist, buchstäblich von ganz weit her auf die Stadt: Aus dem Exil in Frankreich und den USA, zwischen 1937 und 1942, schrieb er diese Bände, die viel mehr sind als eine Auseinandersetzung mit der Revolution, eher eine Versenkung in eine Zeitspanne, die vorauswies auf die nächste Katastrophe.

Einblicke in das Leben von Alfred Döblin 

Der Spaziergang auf den Spuren von Döblins „November 1918“ beginnt am Märkischen Museum, das ab 23. November eine Ausstellung zur Novemberrevolution zeigt. Dies sei „die Gegend Berlins, die mir am vertrautesten ist“, schrieb Döblin einmal.

Jahrelang führte sein Schulweg ihn ins nahe Köllnische Gymnasium an der Wallstraße. Vor jenem einen Flügel des alten Backsteinbaus, der noch steht und heute Sitz der Fanny-Hensel-Musikschule ist, erzählt Michael Bienert von Döblins überaus schlechtem Verhältnis zur Schule.

Am Tag seines Abiturs habe er hier auf die Schulfreitreppe gespuckt, so „ekelhaft“ war ihm nach eigener Auskunft das autoritäre System Schule, das ihn „maßlos gequält“ hatte: „Daran waren die geistigen Physiognomien meiner Lehrer schuld. Es waren Verärgerte, Philister, Beamtentypen.“ Nicht von ungefähr ist Döblins Hauptfigur Friedrich Becker ein Lehrer. Einer, dessen Verhältnis zur Lehranstalt Schule durch den Krieg in die Krise gerät.

Biografische Überschneidungen 

Auch Becker hatte sich seinen Weg anders vorgestellt. Als Oberleutnant, ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz, liegt er am Anfang von Döblins Monumentalepos kriegsverletzt im Lazarett im Elsass. Es ist der 10. November 1918.

Wie die anderen „Bürger und Soldaten“ – so der Titel des ersten Bandes – um ihn herum, erfährt auch er nur aus zweiter Hand von den Ereignissen, die sich am Tag zuvor in der deutschen Hauptstadt überschlagen haben: Der Aufstand der revoltierenden Arbeiter und Soldaten ist in Berlin angekommen, der Kaiser hat abgedankt; Philipp Scheidemann hat vom Reichstag aus die Republik proklamiert, Karl Liebknecht vor dem Portal des Stadtschlosses, die „freie sozialistische Republik“ ausgerufen.

Dann ist Becker zurück in Berlin. Wie übrigens auch Döblin selbst, der den Ersten Weltkrieg als Militärarzt im Elsass verbrachte und ab dem 20. November zurück und den dramatischen Berliner Ereignissen dieser Wochen auf den Fersen war.

Er verehrt Marx und die „soziale Revolution“

Am Schlossplatz, im von über tausend Soldaten und Matrosen besetzten Marstall, spiegelten sich das Chaos und die wechselnden Allianzen dieser Tage. Wer folgte Friedrich Ebert, dem Volksbeauftragten, der die im Machtvakuum des verlorenen Krieges entfesselten revolutionären Kräfte politisch zu binden versuchte? Wer sah in ihm eine Marionette der alten Garden und schloss sich der USPD und den linksradikalen Spartakisten an?

Zwei große Bronzereliefs am Marstall, von Gerhard Rommel 1988 geschaffen, erinnern an den fast priesterlich verehrten Karl Liebknecht, an Marx und die „soziale Revolution“.

Von Döblin her geschaut, diesem leidenschaftlichen Berlin-Kenner, der den November 1918 als Stunde größter Verstörung und Gewalt evoziert, stellten die Reliefs „Revolutionskitsch“ dar, wie Michael Bienert sagt: „Aber gut, dass es sie gibt! Sonst erinnerte bis in diese Tage nichts mehr an diesen Schauplatz der Revolution.“

Die Schuld der Älteren 

Der Lehrer Becker, kaum erholt und auf Probe zurück in der Schule, liest mit den Oberprimanern Sophokles’ „Antigone“ und diskutiert die mutige Tat der jungen Frau, die ihren unehrenhaft gestorbenen Bruder beerdigt – trotz königlichen Verbots. Mit Antigone, die konsequent ihrem eigenen Moralempfinden folgt und sich als Einzige nicht von Fatalismus und Menschengesetzen lähmen lässt, verankert Döblin das Prinzip einer radikalen Ethik im Buch.

Den auf Gehorsam getrimmten Schülern Beckers fällt es schwer, diese „Tat zu betrachten“. Hat doch der Krieg den erlernten „Kadavergehorsam“ noch befestigt. „Friedrich blickte in die Klasse hinein und schloss die Augen. Sie waren die Kinder, die Erben, herangewachsen, während man draußen im Krieg lag. Sie übernahmen die Schuld der Älteren – und wussten nichts.“

Kaum aus dem Krieg zurück, begegnet ihm diese „Schuld der Älteren“ sofort wieder: Becker wird in die Affäre um den Schuldirektor hineingezogen, der einen Schüler verführt – und muss kurze Zeit später erleben, dass der vom erbosten Vater des Schülers erschlagene Direktor kein Begräbnis erhalten soll. Da setzt Becker, indem er die Beerdigung bezahlt, das in die Tat um, was er den Schülern an „Antigone“ vermitteln wollte.

Das Ende von Karl und Rosa

Während der „Blutweihnacht“ und in den ersten Januartagen 1919, nach Gründung der KPD, spitzte sich die Lage um den Marstall zu, erzählt Michael Bienert. Am 6. Januar tagt hier ein Revolutionsausschuss, der den Rat der Volksbeauftragten mit Ebert an der Spitze für abgesetzt erklärt.

Ab jetzt schwebt über „Karl und Rosa“ ein „schwarzer Schwan“ – ein mythisches Bild katastrophischer Vorahnungen. Rosa, der „starken Kämpferin“, hilft ihr Wissen nicht, dass der Weg der Revolution ein „Golgathaweg“ voller Leiden und Opfer sein würde.

Der – von Döblin extrem negativ gezeichnete – Friedrich Ebert lässt seinen „Bluthund“ Gustav Noske die schmutzige Arbeit erledigen, bevor er selbst „am Ziel seiner Wünsche“ angekommen ist und sich „die bequeme bürgerliche Toga eines Reichspräsidenten“ umlegen lässt. Karl und Rosa sind am 15. Januar 1919 tot.

Becker muss ebenfalls ins Gefängnis

Zwei Minuten vom Marstall, über die Kurfürstenbrücke, knüpft Michael Bienert an Friedrich Beckers weiteren Weg an: Im Roten Rathaus konstatiert ein Oberschulrat bewundernd, Becker habe vom Krieg wohl „nicht Rohheit und Verwilderung, sondern Courage mit nach Hause“ gebracht.

Doch im Schuldienst hat ein Eigensinniger wie er doch keinen Platz. Man „lässt ihn laufen“ – woraufhin der Lehrer, der nach dem verführten Schüler sucht, im Polizeipräsidium am Alexanderplatz landet, wo sich Spartakisten verbarrikadiert haben und gegen Regierungstruppen kämpfen.

Becker schließt sich solidarisch an und kommt ebenfalls ins Gefängnis. Drei Haftjahre später kann auch er einen Lebenssinn nicht mehr in irgendeiner menschengemachten Ordnung finden.

Wie Karl und Rosa verweigert auch er sich einer Gesellschaftsordnung, die auf einen neuen Krieg hinausläuft und in der, so Döblin, „Gerechtigkeit keinen Platz bei den Begüterten hat“. Für Becker liegt die einzig befreiende Perspektive auf den menschlichen Verwüstungen im Christentum. Auch dies ist eine Parallele zum Autor selbst, der 1941 im Exil mit Frau und Sohn zum Katholizismus konvertierte.

Alfred Döblin, 1933 als jüdischer Linksintellektueller aus seinem geliebten Berlin vertrieben, schaute für „November 1918“ aus großem räumlichen und zeitlichen Abstand auf jene Wochen 1918/19, in denen kurz die Möglichkeit einer grundlegenden Neuordnung bestanden hatte. Dass man diejenigen, die mit aller Konsequenz gegen Krieg und Gewalt eingestanden hatten, dass man ausgerechnet diese beiden außergewöhnlichen Menschen „Karl und Rosa“ brutal ermordet hatte, deutete Döblin als ein Menetekel der Gewalt, das unheilvoll über der jungen Weimarer Republik liegen sollte.

Auf verlorenem Posten

Die Visionäre Karl und Rosa zeichnete Döblin als widerspruchsvolle Menschen, ihnen galt seine Empathie, weil sie, wie Bienert resümiert, „auf verlorenem Posten kämpfen – aber für etwas, das nicht die Wiederkehr des Alten, Schlechten ist.“

Dort fand sich Döblin wieder, als 1950 der letzte Band seines Revolutionsepos erschien. Es passte nicht in den Zeitgeist. „Ein unzeitgemäßeres Buch kann man sich gar nicht vorstellen, auch heute nicht“, sagt Michael Bienert. „Aber genau dafür liebe ich diesen Autor. Döblin kann einen auch nach vielen Jahren noch überraschen, weil er nie zur Ruhe gekommen ist und immer weitergedacht hat“.

Döblin kannte eben nicht nur Berlin in all seinen Schichten, er kannte auch die vielschichtigen Verstörungen und Verwüstungen in den Menschen. Was daraus für ihn folgte, war längst eine andere Logik als die des Zeitgeists.