Berlin - Der Platz, den ich ausgesucht habe, ist der falsche. Gayle Tufts will lieber den hinten am Fenster, auf der grünen Polsterbank mit extra Rückenwulst. Im Manzini bekommt sie ihn natürlich, ich folge ihr. Jetzt, in den Wechseljahren, ist sie endlich am richtigen Platz angekommen, nicht nur hier, auch im Leben. Ihr Buch „Some like it heiß“ läuft gut, die Show ist erfolgreich, sie hat ein neues, schlankeres Ich und nach zwei Minuten den ersten Kaffeefleck auf dem T-Shirt.

„This is me, typisch“, sagt sie, kein verzweifeltes Rumwischen, sie nimmt es gelassen. „I have nothing to jammer about“, das ist im Groben ihre Lebensbilanz auf Denglisch, der Sprache, die sie für die deutsche Bühne kreiert hat.

In New York hat sie immer davon geträumt, es sich eines Tages leisten zu können, nach dem Theaterbesuch in eine Brasserie zu gehen. „Steak Frites in einer Brasserie, das war meine Fantasie“, erzählt sie und lacht laut. Hier im Manzini macht sie sie wahr. Der Laden nahe dem Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf hat einen Hauch von Saint-Germain, gepaart mit dem Tafelspitz-Charme eines österreichischen Kaffeehauses.

Sie fühlt sich hier wohl, sagt sie. Ich mich auch, obwohl keiner von uns so recht herpasst. Am Tisch nebenan tragen die Damen rosa Wolljacketts, schwarze Sonnenbrillen und das Haar sehr blond, die Herren Krawatten. Und alle Kellner Fliegen. West-Berlin, wie es nur hier existiert.

Vorfreude aufs Steak

Momentan sitzt sie fast täglich hier. Gleich um die Ecke in der Bar jeder Vernunft steht sie seit Anfang April sechsmal die Woche abends auf der Bühne. Ins Manzini kommt sie nach der Probe, meist ab 15 Uhr zum Afternoon Tea. Heute treffen wir uns zum Mittagessen, meine erste Sorge ist: Isst sie denn überhaupt noch etwas? Gayle Tufts scheint nur noch die Hälfte. Sie sagt: „Zwei Drittel sind noch da, eins ist weg.“ Durch die Wechseljahre sei ihr Stoffwechsel auf Sparflamme gewesen. Sie musste etwas tun: drei Monate kein Koffein, kein Alkohol, kein Käse, kein weißes Mehl, wenig Fett, wenig Zucker und viel Bewegung – das Rezept kennt man ja. „Ich bin jetzt eine von den Frauen, die immer eine Tupperdose mit Möhren rumschleppt“, erzählt sie.

War das ernst gemeint? Noch bevor ich fragen kann, kommt der Kellner, und sie bestellt die Fischsuppe als Vorspeise und das Rumpsteak als Hauptgericht, weil man beides hier unbedingt probieren muss. Ich bin erleichtert. Gayle Tufts wird nicht Pressesprecherin der Weight Watchers. Sie geht die Sache mit dem Essen nur bewusster an. Beim Rumpsteak verzichtet sie im Gegensatz zu mir auf die Ofenkartoffel – Kohlenhydrate! – und wählt stattdessen lieber frischen Spargel. Bei der Fischsuppe lässt sie die in Butter gerösteten Baguettescheiben mit Aioli übrig. Die sind jedoch das Beste daran, weil der Sud selbst sehr wenig Fett hat.

Ohne diesen Geschmacksträger bleibt die Suppe fad, die Gemüseeinlage aus roter und gelber Paprika, Zucchini, Karotten und Lauch kommt geschmacklich zwar gut raus, doch das Meeresgetier – Lachsstücke, weißes Fischfilet, eine Muschel und eine Garnele – gehen unter. Tufts ist aber zufrieden, sie freut sich schon auf das Steak. Sie liebt „Surf and Turf“ seit ihrer Kindheit, so heißt die sehr amerikanische Kombination aus Meeresfrüchten und Fleisch. In Massachusetts, wo sie aufwuchs, isst man Hummer mit Steak.

Optisch ist das Steak im Manzini sehr amerikanisch, oben ein hübsches Grillmuster mit ein paar roten Sprengseln milden Chilis. Bei der Zubereitung könnte der Koch aber von amerikanischen Grillmeistern lernen: Unsere beiden Stücke kommen innen zu durch, außen zu kalt. Leider ist auch das Fleisch etwas sehnig. Dafür ist der dazu gereichte Salat hervorragend, vor allem die zitronige Senfvinaigrette. Wir sind uns einig. Im Manzini gibt es typisches Brasseriefood, und die Fantasie ist oft besser als die Realität.