Bodenständig und ein Stück authentisches Berlin: „Puschel’s Pub“.
Foto: Karl-Hermann Leukert

BerlinCorona trifft auch die Berliner Kneipenszene hart. Leidtragende sind indes nicht nur die Gastronomen, sondern vor allem die Gäste: Kneipe ist in Berlin nicht nur ein Verköstigungsbetrieb, sondern ein Lebensgefühl. Und weil man dort naturgemäß enger zusammenrückt, war die Kneipenschließung am 14. März eine der ersten einschneidenden Maßnahmen des Berliner Senats – und wird vermutlich als letzte rückgängig gemacht, wenn es darum geht, die Wirtschaft nach Corona wieder hochzufahren.

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Kein Wunder, dass sich um die Leuchttürme des Berliner Bierausschanks Notgemeinschaften gebildet haben, die nach dem Erlöschen des Kneipenlichts erst einmal orientierungslos zu Hause saßen. Doch was, wenn nach mehrmonatiger Schließung plötzlich ein Coffee-Shop oder ein touristisch aufgemotztes Themenrestaurant den Platz einnimmt. Und manch ein Gast dachte auch an die Tresenkräfte, denen viele Trinkende in langen Nächten ihre Lebensgeschichte anvertraut hatte.

Gefühl von Heimatverbundenheit

Beim Turandot in der Bergmannstraße haben die Gäste ein Plakat mit QR-Code aufgehängt. Unter dem Link kann man für die Belegschaft sammeln. Wirt Roman öffnet wenigstens unregelmäßig für ein paar Stunden die Tür, um Kaffee am Bordstein zu verkaufen: „Um das Geld geht es mir nicht. Ich will unseren Gästen lediglich ein Überlebenszeichen senden.“

Eine Institution der Kneipenszene ist Puschels Pub auf der Potsdamer Straße. Hier trifft sich sonst alles, was rund um die Potsdamer Straße die durchgentrifizierte Edelgastronomie scheut: Fußballfans, Journalisten, Musiker, Fotografen, Schauspieler und verrentete Prostituierte aus dem ehemaligen Rotlicht-Milieu.

Inmitten des leicht kaschemmigen Ambientes: Gastwirt Puschel, bürgerlich Fred Eichhorn, der seinen Gästen nicht nur mit rustikalen Ansagen („Harte Männer tanzen nicht“), sondern auch mit einer ständig wechselnden Kollektion von Motto-Shirts („Yes, we Korn“) ein Gefühl von Heimatverbundenheit vermittelte.

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Spendenseite für Puschel's Pub

Der zweite Schock nach der Schließung: die drohende Kündigung durch den Vermieter. Das war für etliche von Puschels Stammkunden zu viel. Ein jüngerer Stammgast rief eine Spendenseite ins Leben, die innerhalb weniger Tage über 5000 Euro erbrachte, darunter viele Spender, die aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben wollten und unter Pseudonymen wie Donald Trump („Make Puschel great again“), Angela Merkel („Herr Eichhorn, gemeinsam schaffen wir das“) oder Boris Becker spendeten: „Mein Geld haben eigentlich die Lilly und die Babs. Aber die letzten 5 Euro soll der Puschel haben.“ Die Kündigung scheint vorerst abgewendet.

Spendenaktion über Gofundme: „Wir pushen Puschel’s Pub“.