Die ehemalige Galeria Kaufhof Filiale am Anton-Saefkow-Platz.
Foto: Gerd Egelsmann

BerlinKaufhäuser sind für viele Einkaufsviertel und Einkaufsstraßen das, was in Shoppingmalls die Elektro- und Supermärkte sind: „Ankermieter“, die auch den anliegenden Geschäften jene Dauerkundschaft verschaffen, die kontinuierliche Umsätze garantiert, die als soziale Treffpunkte dienen und regionale Identitäten schaffen: „Wir treffen uns bei …“ ist generationsübergreifend ein Signal. Der Karstadt am Tempelhofer Damm, jener am Weddinger Leopoldplatz, an der Wilmersdorfer Straße oder in den Gropius-Passagen sind also mehr als nur eine Einkaufsgelegenheit.

Doch wie schwer es ist, ein einmal geschlossenes Kaufhaus wieder zum Teil des sozialen Netzes Namens Stadt werden zu lassen, zeigen Eisenach und Görlitz. In Thüringen steht das 1928 nach Plänen von Alfred Schmidt errichtete Kaufhaus – ein Musterbeispiel der Klassischen Moderne – inzwischen seit Jahrzehnten leer. In Görlitz wurde das berühmte einstige „Kaufhaus der Oberlausitz“, 1912 nach Plänen von Carl Schmanns eröffnet, 2009 geschlossen. Auch hier engagierte sich eine Bürgerinitiative, zeitweilig war die Nutzung als Museum in der Debatte. 2013 konnte es der Investor Winfried Stöcker aus der Hertie-Insolvenz erwerben, 2018 begannen endlich die Umbauarbeiten, inzwischen wird nach Mietern für die neue Geschäftslage gesucht.

Schneller gelang eine solche Umnutzung in Chemnitz, wo „Das Tietz“ zum Haus für das Naturkundemuseum, die Sächsische Galerie, die Stadtbibliothek und die Volkshochschule wurde, das einstige Kaufhaus Schocken dagegen zum gefeierten Archäologischen Museum Sachsens. Die hohen Traglasten, für die Kaufhäuser gebaut wurden, kamen hier der Umnutzung für kulturelle Zwecke entgegen. Von ihren meist flexiblen, offenen Grundrissen profitiert dagegen heute das Landkreisamt Vogtland das in Plauen ins einstige Kaufhaus Horten zog.

Amerika mit seinem viel flexibleren Markt hat auch früher Erfahrungen mit solchen Neunutzungen gemacht. Im amerikanischen Ardmore etwa wurde ein Gebäude des Kaufhausgiganten Macy’s in cooler Art-Deco-Architektur der 1930er-Jahre von Sportstudios mit Sauna und Wellnessservices übernommen, die auch gleich schicke Gesundheitsrestaurants, Smoothie-Bar in den Erdgeschossen und entsprechende Geschäfte ansiedelten. In einem anderen Kaufhaus wurde gleich eine ganze Boulder-Anlage zum Klettern und Toben installiert. Ein einstiges Sears-Kaufhaus in Wayne, New Jersey wurde zu einem Vergnügungszentrum mit 165 Spielautomaten, Billard, Festräumen und einer großen Sport-Bar. Sogar einen edlen Veranstaltungsraum für Firmentreffen kann man hier mieten. Der unglaublich prachtvolle, mit Säulen und Stück nur so schwelgende Bostoner Filene’s Department Store, 1912 von Daniel Burnham geplant, wurde mit Arztpraxen und Büros neu genutzt, für die eine eigene neue Lobby eingebaut wurde, schick im Rohbaulook locken Restaurants und Bars junge Kunden – sowie eine Filiale der Billigst-Modekette Primark, dem Albtraum aller derjenigen, die eine ökologisch und sozial bewusste Wirtschaft erhoffen.

Solcher „Mixed Use“ oder „Hybrid Spaces“ sind das Stichwort der Immobilienentwickler: Nicht mehr ein großer Einzelnutzer, auch nicht mehr nur eine Struktur wie etwa Geschäfte, sondern viele unterschiedliche Gewerbe, die sich gegenseitig stützen können. In Eschweiler wurde das Kaufhaus Breuer, 1946 und 1951 nach Plänen von Hellmuth Müller errichtet, mit altersgerechten Wohnungen versehen, mit privaten, von außen uneinsehbaren Innenhöfen, Pflegestation und Geschäften im Erdgeschoss. Ein ähnliches Konzept wie am Berliner Anton-Saefkow-Platz, wo 2013 nach den Plänen von Papendieck, Rade+Partner in den Obergeschossen des einstigen Centrum-Warenhaus von 1985 Wohnungen mit teilweise vier Meter hohen Räumen eingebaut wurden, die um ein großes Atrium herum lagern, das von allen Mietern genutzt werden kann. Auch hier sind im Erdgeschoss Einzelhändler eingezogen, eine Apotheke sowie Restaurants.

Das ist übrigens auch ziemlich genau das, was der Karstadt-Konzert sich derzeit vorstellt für das legendäre Kaufhaus am Hermannplatz, das weiterhin betrieben werden soll – neben Wohnungen und anderen Gewerbeflächen. Und wie im Bostoner Filene’s soll auch am Herrmannplatz die Architektur – angelehnt an den Ursprungsbau von 1930 – als Signal von Bedeutung, Größe und Luxus dienen. Wie überhaupt auffällt, dass Häuser mit einer möglichst machtvollen Architektur relativ besser durch die Fährnisse der Zeit zu kommen scheinen – es sich also durchaus als Fehler herausstellen kann, dass Galeria Karstadt Kaufhof auch Häuser schließen will, die schon in ihrer prachtvoll-historisch anmutenden Fassade zeigen, dass sie eine lange Tradition und damit Stammkundschaft vorzeigen können.

Eine Ausnahme sind also eher monofunktionale Neunutzungen wie jener des einstigen Warenhaus Jandorf am Weinbergspark, das nach jahrzehntelanger Vernachlässigung und diversen Zwischennutzungen 2017 bis 2019 von dem Berliner Ingenieurbüro Silver Construction Engineering umgebaut wurde. Inzwischen sind hier die Automobilkonzerne Daimer AG und BMW als Mieter eingezogen, mit Büronutzungen für ihre Carsharing-Angebote. Alleine in diesem Haus sollen künftig bis zu 700 Angestellte arbeiten. Und sensationell geradezu wirkt die Entscheidung des Ikea-Konzerns, in Hamburg-Altona an der Stelle eines sowohl architektonisch wie kommerziell gescheiterten Einkaufszentrums der 1970er-Jahre nach Abriss und Neubau den bisher einzigen Innenstadt-Ikea Deutschlands zu errichten. Seine Innenarchitektur gleicht heute denen ausgeräumter einstiger Kaufhäuser.