Berlin - Ich bin Robert Lembke begegnet. Die Älteren werden sich erinnern: gesetzter Herr, Halbglatze und Hornbrille, „Was bin ich?“. Große Abendunterhaltung im Fernsehen der Siebziger, heiteres Berufe-Raten, „Welches Schweinderl hätten’s gern?“. Er lief mir vorm Fleischer direkt in die Arme. Genau genommen war es Lembkes Geist in Gestalt eines Mittdreißigers, Vollglatze, gelbe Ski-Jacke; der andere ist ja seit drei Jahrzehnten tot. Jedenfalls fragte der mit der Vollglatze: „Was machen Sie beruflich?“ Das „Guten Morgen“ oder „Entschuldigung, darf ich Sie kurz stören?“ muss ich überhört haben, ich fragte geistesgegenwärtig zurück: „Wieso?“

Bei Robert Lembke, dem mit der Halbglatze, wären das jetzt zwei mal fünf Mark ins Schweinchen gewesen, weil Robert Lembke, der mit der Vollglatze, keine geschlossene Frage gestellt hatte, auf die ein Ja oder Nein zu entgegnen gewesen wäre. Außerdem stellte ich eine Gegenfrage. Nächste Runde, er: „Sie sehen so robust aus.“ Keine Frage, fünf Mark. Ich: „Ach ja?“ Keine Antwort, fünf Mark.

Die typische Handbewegung am Anfang hatte ich natürlich vergessen, was an der Überraschung oder der Tüte mit dem Hackfleisch und der Leberwurst gelegen haben könnte. Die typische Handbewegung war Pflicht bei der Halbglatze, bei der Vollglatze ging es weiter mit Runde drei: „Na ja, die Stiefel und die Weste.“ Keine Frage, fünf Mark.

Klar, die gelbe Signalweste über der Daunenjacke, dazu noch der Fahrradhelm mit gelbem Regenschutz, ein Outfit Typ Vorarbeiter. Ich also: „Ich arbeite im Büro.“ Er: „Das tut mir leid, ich meine, ich dachte, Sie arbeiten auf dem Bau oder so. Kennen Sie jemanden, der Leute braucht? Ich suche einen Job.“ Keine fünf Mark, kein heiteres Berufe-Raten, nur zwei verlegene Gestalten im Schneegriesel vor einem Fleischereifachgeschäft.

Gerettet hat die Situation schließlich Robert Lembke. Erst der mit der Vollglatze: „Machen Sie sich keinen Kopf, ich finde schon etwas.“ Robert Lembke, der mit der Halbglatze, sprach zu mir später über das Internet. Der Mann hat ja etliche Aphorismen geprägt. Einer lautet: „Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen.“ Meine Hochachtung allen beiden.