Die Gastronomin und Köchin Sarah Wiener.
Foto: Imago/Eibner

BerlinEs ist eine traurig-trockene Botschaft, die die Köchin und Gastronomin Sarah Wiener da am Donnerstag via Facebook an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerichtet hat. „Gestern mussten wir für unsere Restaurants und das Catering Insolvenz anmelden. Für mich geht damit vorerst meine dreißig Jahre dauernde Catering- und Gastronomie-Ära zu Ende.“

Auch wenn die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens nicht zwangsläufig das Aus eines Unternehmens bedeutet, stehen bei der aus zahlreichen TV-Talk- und Kochshows bekannten 57-Jährigen die Zeichen auf Abschied. An ihre zahlreichen Mitarbeiter gerichtet schrieb sie wehmütig: „Wir haben zusammen gearbeitet, gelacht, gekocht, Ideen verwirklicht und für eine bessere, nachhaltigere Catering- und Restaurantkultur gekämpft ... und wie ich finde: Wir waren spitze!! Nein: Ihr ward spitze!!“

Über viele Jahre war Sarah Wiener in Berlin vor allem allgegenwärtig. Elegant und zugleich egalitär ging es im großen Hallenrestaurant am Hamburger Bahnhof zu, das die Angebote deftiger Küche mit dem Charme der Wiener Kaffeehausatmosphäre verknüpfte. In unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof schien das Kalkül hier auch darauf ausgerichtet zu sein, kurze Wege für ein schnelles Geschäftsessen vor der Abreise zu bieten.

Einmal im Jahr traf sich im Hamburger Bahnhof aber auch die Berliner Kulturszene zum großen Sommerfest des Goethe-Instituts, das eine der wenigen Kontaktbörsen nahezu der gesamten Berliner Kulturszene war, die sich ansonsten bevorzugt auf ihre jeweiligen Ressortinseln zurückzieht. Museum-Cafés schienen es der Köchin angetan zu haben, aber sowohl aus der Akademie der Künste am Pariser Platz sowie aus dem Museum für Kommunikation an der Leipziger Straße zog sich Wiener vorzeitig zurück. Es kamen zu viele Sehleute in die Häuser. Als umtriebige Unternehmerin schien die leidenschaftliche Fußgängerin Sarah Wiener ganz gut zu wissen, wann der Zeitpunkt gekommen ist, leise Servus zu sagen. Backwaren scheinen da ein wenig haltbarer. „Wiener Brot“ gibt es in der Tucholskystraße in Mitte. Zur Wiener-Gruppe gehört außerdem das Restaurant im "Futurium" am Alexanderufer.

Obwohl Sarah Wiener in Halle in Westfalen geboren wurde und bei ihrer Mutter in Wien aufwuchs, hat die eloquente und ökologisch engagierte Köchin, die heute für die Grünen als Abgeordnete im EU-Parlament sitzt, viele Jahre in Berlin verbracht. Zur an kulinarischen Höhepunkten eher kargen Geschichte West-Berlins gehört unbedingt auch ihre Lehrzeit im Restaurant „Exil“ am Kreuzberger Paul-Lincke-Ufer, das ihr Vater, der Kybernetiker und Intellektuelle Oswald Wiener, betrieb und zum Treffpunkt der überschaubaren Berliner Boheme machte. Unvergessen sind die Hausbesetzer-Demonstrationen der frühen Jahre, zu denen die Kellner des „Exils“ formvollendet mit weißer Schürze den Polizisten und Demonstranten gleichermaßen Kaltgetränke servierten.

Das Backen und Kochen hat Sarah Wiener bei ihrer Mutter, der Künstlerin Lore Heuermann, gelernt. Auf zahlreichen Reisen durch Europa, insbesondere aber auch in Berlin, schien es geboten, sich die Überlebenstechniken des Durchwurstelns beizubringen. Also kehrte Sarah Wiener dem „Exil“ den Rücken und gründete 1990 das Unternehmen Sarah Wieners Tracking Catering (heute Hoflieferanten Berlin). Auf Pump kaufte sie einen ausrangierten W50-Küchenwagen der Nationalen Volksarmee (NVA) und spezialisierte sich auf das Catering für Filmaufnahmen. Bald kamen private Party-Büfetts für die Angehörigen einer zu etwas Wohlstand gelangten Subkultur hinzu, die nicht nur Wieners Kochkünsten erlagen, sondern auch ihrer Überzeugungskraft, mit der sie den Zusammenhang zwischen Ernährung und Bewusstsein vermittelte. In einer Serie für den Sender Arte ausdrücklich auch Kindern.

Mit Wieners Demission verschwindet nicht irgendein Berliner Gastronomiebetrieb. Die Corona-Krise frisst auch ein urbanes Lebensgefühl, das sich allein dadurch luftiger und weiter anfühlte, dass man im Hamburger Bahnhof einfach auch einmal für Zwischendurch vorbeischauen konnte. Die Berliner Currywurst dazu stammte natürlich von artgerecht gehaltenen Tieren. Schon möglich, dass Sarah Wiener die nicht gerade rosige Zukunft rund um das Museumsareal am Hamburger Bahnhof mit in ihre Überlegungen einbezogen hat. Die Rieck-Hallen, die noch die Sammlung Flick beherbergen, sollen für Neubauprojekte abgerissen werden, und die Besitzverhältnisse des Museums werden gerade auf höchster kulturpolitischer Ebene geklärt.

Den Berliner Gastronomen aber fehlt sichtlich die Geduld und das Geld zur Klärung schwieriger Verhältnisse. Die amerikanische Backwaren-Spezialistin Cynthia Barcomi hat ihr Geschäft in Mitte geschlossen und sich auf die Kreuzberger Bergmannstraße beschränkt. Das KPM-Café am großen Showroom des ehrwürdigen Porzellan-Herstellers hat nach der Corona-Schließung nicht wieder aufgemacht. Das Café Grosz am Kudamm ist dicht. Berlins ohnehin etwas dürftige Kaffeehauskultur verschwindet – auf Raten.