Berlin - Achtung, kreuzender Verkehr! Auf der gerade mal zweieinhalb Kilometer langen Goerzbahn im Südwesten Berlins gibt es mehr als 40 Stellen, an denen das Gleis gequert werden darf. Doch während so viele Bahnübergänge normalerweise als Handicap gelten, könnten sie sich in diesem Fall als Vorteil erweisen. Denn dadurch bietet die brachliegende Gütertrasse zwischen Lichterfelde West und Schönow optimale Voraussetzungen, um Technik zu erproben, die Hindernisse erkennt, so die Deutsche Bahn (DB). „Sie könnte zur einzigartigen Teststrecke für neue Entwicklungen werden“, hieß es. Um auszuloten, ob sie sich dafür eignet, ist ein ganz besonderer Zug auf der Goerzbahn unterwegs. Von außen sieht er aus wie ein gewöhnlicher ICE, drinnen ist er ein rollendes Techniklabor. 

Am Mittwoch sorgte das Advanced Trainlab, wie das mit Öko-Diesel betriebene Fahrzeug heißt, schon mal für Aufsehen. Bei einer ersten Probefahrt wollten die DB-Forscher herausfinden, ob die Bahnstrecke der Belastung standhält. Bis Juli 2018 wurde sie von Güterzügen befahren, die von der Firma APCB an der Goerzallee Autoteile zum Kölner Ford-Werk beförderten. Aber dann übernahmen Lastwagen die Transporte, und die traditionsreiche Trasse in Steglitz-Zehlendorf verlor ihren gesamten Verkehr. Dem Vernehmen nach hat ein Entwidmungsverfahren begonnen.

Foto: Deutsche Bahn/Volker Emersleben
Seit 2018 war hier kein Zug mehr gefahren: das rollende Techniklabor unterwegs am Dahlemer Weg.

Doch die geplante dauerhafte Stilllegung der mehr als hundert Jahre alten Strecke stößt auf Kritik – nicht nur bei der Arbeitsgemeinschaft Märkische Kleinbahn, die in Schönow ein Eisenbahnmuseum aufgebaut hat und die Strecke gern für Sonderfahrten nutzen würde. Auch im Berliner Senat sieht man die beantragte Entwidmung skeptisch. Anschlussgleise sollten nicht abgebaut werden, heißt es dort. Ziel müsse es sein, Infrastruktur für den Schienengüterverkehr auf der Schiene zu erhalten und auszubauen.

Im Südwesten Berlins kein Unbekannter mehr

Das sieht man bei der DB ebenfalls so. „Bahnverkehr auf der Goerzbahn soll kein Auslaufmodell sein“, sagte Alexander Kaczmarek, Konzernbevollmächtiger der DB für Berlin. „Wir loten aus, welche Chancen es in Zukunft mit dem Land Berlin für diese Strecke geben kann.“ An diesem Freitag wird der Versuchszug auf der Goerzbahn zweimal hin- und zurückfahren – jeweils mit einer Ausnahmegenehmigung der RBH Logistics, die Ansprechpartnerin ist.

Ein Unbekannter ist der ICE-TD, der Öko-Diesel tankt, im Südwesten Berlins allerdings nicht mehr. Auf dem anschließenden Gleis von Lichterfelde West nach Wannsee war er seit März 2019 bereits mehrere Dutzend Male unterwegs. Auch dabei ging es um Technik, die einen automatischen Bahnbetrieb ermöglichen könnte. Die Strecke ist ebenfalls ohne regulären Betrieb, das erleichtert die Einsatzplanung. Doch auf der Wannsee- und Stammbahn darf schneller gefahren werden. Auf der Goerzbahn gilt Tempo 10.

Einige Jahre lang hatte der weiße Zug, der die Nummer 605 017 trägt, auf der Vogelfluglinie zwischen Hamburg und Kopenhagen Fahrgäste befördert. Dann wurde er umgebaut und dient seitdem als rollendes Labor für neue Bahntechnologien. „Beide Fahrzeugfrontseiten sind mit umfangreicher Sensorik bestückt. Diese hilft uns, Objekte, Hindernisse, aber auch das gesamte Umfeld des Zuges zu erkennen“, sagte Tobias Fischer, Technikchef des Teclabs der Deutschen Bahn. „Wir erproben, inwieweit diese Technik beispielsweise automatisiertes Bremsen erlaubt.“

Die Goerzbahn könnte sich als Testgebiet eignen – wegen der zahlreichen Bahnübergänge und weil der stark befahrene Dahlemer Weg parallel verläuft. Die Sensoren, die Objekte vor dem Zug und dessen Umfeld erfassen sollen, werden eine Menge zu tun haben. Am Dahlemer Weg werde der ICE „ein bisschen wie eine Straßenbahn unterwegs sein“, so Alexander Kaczmarek. „Ein Bild, das man so im deutschen Eisenbahnnetz noch nicht gesehen hat.“