Einschulung – feierlich wie jedes Jahr und doch anders in Pandemie-Zeiten.
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BerlinNur einmal kurz verhaspelt sich Jochen Fuchs und lächelt entschuldigend ins Publikum. Es ist heute bereits das achte Mal, dass der Schulleiter der Bornholmer Grundschule in Prenzlauer Berg seine Willkommensrede hält, doch bis auf  einen kleinen Wortdreher, der der Anstrengung geschuldet ist, merkt man es ihm nicht an. Fuchs begrüßt die Eltern, Großeltern und Geschwister in der buntgeschmückten Aula, bevor die Erstklässler aus der 1c auf die Bühne gerufen werden. Es wird geklatscht, gerührte Mütter und Väter zücken ihre Handys für Fotos, Musik läuft vom Band.

Eine Einschulung, feierlich wie jedes Jahr, und doch ist alles anders – es ist schließlich Corona-Zeit.

Statt wie üblich alle Erstklässler in der Aula zu empfangen, werden die neuen Klassen in Gruppen geteilt, immer zwölf Schüler und ihre Verwandten dürfen zur Zeremonie in die Aula. Bis auf die neuen Schüler tragen alle Mund-Nasen-Masken, und vor dem Platznehmen heißt es: Hände desinfizieren. Familien dürfen zusammensitzen, dazwischen bleibt viel Abstand.

Und noch etwas ist anders: Statt des Theaterstücks, das normalerweise für die Erstklässler aufgeführt wird, haben die Schüler der oberen Klassen einen kurzen Film gedreht: Vom Löwen, der nicht schreiben konnte. Und es am Ende natürlich doch lernt.

Für Susanne Hahn und ihre Familie ist es die dritte Einschulung an der Bornholmer Grundschule, auch ihre beiden älteren Töchter feierten hier bereits ihren ersten Schultag. Heute war Konrad dran. Der drückt nach der Zeremonie gleich zwei Zuckertüten an sich – die kleine hat er von einer Polizistin geschenkt bekommen, die die neuen Schüler vor der Schule begrüßt. „Ich fand es sehr schön und feierlich – auch mit Maske und Abstand“, sagt Susanne Hahn, während sich alle fürs Familienfoto aufstellen. Natürlich frage man sich, wann ein normaler Schulalltag wieder möglich sein werde. Aber das frage man sich seit einem halben Jahr ja ohnehin in allen Lebenslagen. „Ich finde, die Schule hat unter den gegebenen Umständen das absolut Beste daraus gemacht. Vor allem die Idee mit dem Film hat mir sehr gut gefallen.“

Auf die traditionelle Aufführung ganz zu verzichten, wäre dann doch nicht in Frage gekommen. Die Bornholmer Grundschule hat einen künstlerisch-musischen Schwerpunkt – gerade hier leidet das Angebot unter den Pandemie-Bedingungen. „Wir haben zwei Chöre, die normalerweise regelmäßig proben“, erzählt Konrektorin Catrin Kremer zwischen zwei Einschulungsgruppen. „Das war lange gar nicht möglich.“ Inzwischen habe man eine Lösung gefunden: Proben im Freien und in Kleingruppen. „Ansonsten achten wir darauf, dass die Kinder in ihrem Klassenverband bleiben“, sagt Kremer. Normalerweise mischen sich die Schüler allein durch das umfangreiche Kursangebot der Schule. In vielen anderen Belangen fährt man erstmal auf Sicht. Für zeitversetzte Pausen und kleinere Lerngruppen fehlt schlicht das Personal. Und auch die ausgefallenen Schuluntersuchungen, bei denen Amtsärzte normalerweise das Hör- und Sehvermögen und die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder testen, wird die Schule nach aktuellem Stand nicht aus eigener Kraft organisieren können.

Schon im April hatte die Senatsverwaltung für Bildung die Schulleitungen darüber informiert, dass die Gesundheitsämter bis zum Schuljahresende keine Untersuchungen mehr werden durchführen können. Wegen der Corona-Krise gebe es schlicht keine Kapazitäten. Die Entscheidung hatte vor allem bei Elternvertretern für Kritik gesorgt, die befürchten, dass ein besonderer Förderbedarf bei Kindern möglicherweise nicht erkannt werde. „Wir haben hier zur Zeit eine große Schatzkiste“, sagt Catrin Kremer und klingt nur ganz kurz ein wenig erschöpft.

Von all dem bemerken die Kinder wenigstens heute nichts. Als Kremer und ihre Kolleginnen die Stühle und Bänke für die nächste Gruppe desinfizieren, sind sie schon in ihr Klassenzimmer weitergezogen, für eine erste Schulstunde.

Die Familien versammeln sich derweil im Ökogarten nebenan, wo die Schüler sonst Gemüse anpflanzen und imkern lernen können. „Gerade für Großeltern ist das ja ein bewegender Moment“, sagt Ernst Schlüchtermann, der in dem verwunschenen Labyrinth aus Büschen und Pfaden auf Enkelin Greta wartet. Auch sie ist heute eingeschult worden, als drittes Kind der Familie. An der Bornholmer Grundschule sind bei der Einschulungsfeier pro Kind sechs angemeldete Begleitpersonen erlaubt – in vielen anderen Berliner Schulen müssen Großeltern und andere Verwandte draußen warten.

Schlüchtermann ist extra aus Pirna angereist. Seine Frau sei vor zehn Jahren gestorben, erzählt er, keine Einschulung der Enkel habe sie miterleben können. Für ihn sei es auch deshalb etwas ganz Besonderes, dabei zu sein. Für die Schule seiner Enkel hat er nur lobende Worte. Man gebe sich hier wirklich sehr große Mühe, gerade unter den Pandemie-Bedingungen. Seine eigene Einschulung kurz nach dem Krieg sei ohnehin viel weniger feierlich abgelaufen, sagt Schlüchtermann. „Nur die Zuckertüte, die war schon genauso groß.“