Das unfreiwillige Mithören von Telefonaten kann höchst vergnüglich sein, strapaziert oft die Nerven und ist manchmal sehr unangenehm. Das liegt nicht nur an der Lautstärke, die sich gesteigert, ja, verdoppelt hat, seit in das vor den Mund gehaltene Gerät gesprochen wird wie in eine Scheibe Brot und die Stimme des Gesprächspartners im Sound von Disneyfilmen aus dem Lautsprecher kommt. Es liegt auch an den lärmenden Themen.

Termine. Geplatzte Termine und die gewichtigen Gründe. Familiäre Logistik. Beziehungskrisen. Wenn ich schon so viel mithören muss – ich würde gerne mehr Liebesgeflüster belauschen. Gehauchte Zweideutigkeiten. Schüchterne Danach-Grüße. Furchtlose Zukunftsversprechen. Aber dafür sucht der Mensch immer noch die Privatsphäre. Oder tut es eben sehr leise.

Beruhigend, eigentlich. Ein leises Gespräch bräuchte, soweit ich das mitkriege, auch die Person, mit der die Frau an der Haltestelle telefoniert. Trost, Aufmunterung. Schluchzendes Gestammel ist aus dem Gerät zu hören. Auch ohne Lautsprecher gibt es keinen Zweifel: Da ist wer verzweifelt. Lange hört die Frau nur zu und dann – rollt sie mit den Augen und sagt: „Jetzt stell dich mal nicht so an.“ Krawumm. Ein Satz wie ein Fausthieb. Eigentlich müsste das Gegenüber, ob physisch oder nur durch Funkwellen verbunden, ein blaues Auge davontragen, denke ich. Immer wenn dieser Satz fällt. Und mehr nicht.

Er hilft nicht, bewegt nichts, bewirkt nichts. Außer, je nach Naturell, verdattertes Schweigen, mehr Verzweiflung oder das Gefühl, ein überempfindlicher Trottel zu sein. Das Gespräch ist so oder so danach zu Ende, auch dieses. Die Stimme wird danach leiser, von der Haltestellenfrau höre ich noch ein „bis später“, bevor sie mit einem „Herrje“-Kopfschütteln das Telefon einsteckt. Einige Tage später beobachte ich am See eine Gruppe Eltern und Kinder. Sie stehen so herum und plaudern, wie es oft zu beobachten ist, wenn alle ihren Nachwuchs aus den Kitas und Schulen holen.

Sätze wie „Das hast du jetzt davon“ sollten abgeschafft werden

Einige der Kinder haben ein frühes Februareis in der Hand. Ein besonders lebhafter Junge rast mit einem Roller immer um die Gruppe herum, flitzt weg, kommt zurück, alles einhändig, denn in der anderen Hand hält er ja die gefährlich wankende Waffel. „Frühlingsgefühle“, denke ich. „Nicht so wild!“ ruft die Mutter. Der Junge flitzt weiter und es passiert, was passieren musste: In einer gewagten Kurve fliegt das Eis aus dem Hörnchen und landet auf dem Weg.

Er starrt abwechselnd auf das Häufchen Eis und die leere Waffel und dann hilfesuchend Richtung Mutter. „Das hast du jetzt davon.“ Sagt die. Krawumm. Denke ich. Und höre die andere: „Stell dich nicht so an.“ Sätze, die mich immer an den „Mann ohne Eigenschaften“ denken lassen. In Musils Roman trägt ein Kapitel die Überschrift „Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht“. Ein Veilchen wächst dem Jungen nicht. Aber sein trostloses Gesicht sieht so ähnlich aus. Man sollte diese Sätze abschaffen. Am Telefon und überhaupt.