Nachts in Berlin: Einmal Mitmachtheater vor der Kneipe

Unser Kolumnist wollte eigentlich nur Freunde treffen. Doch in dem Lokal wird gefeiert und zwar bühnenreif.  

Treffpunkt Tresen: Was wird denn hier schon wieder gefeiert?
Treffpunkt Tresen: Was wird denn hier schon wieder gefeiert?imago/ Panthermedia

Die Bekannten, mit denen ich verabredet bin, sitzen an einem Tisch vor der Kneipe. Das liegt nicht an den milden Temperaturen. Im Inneren der Gaststätte tobt irgendeine Feierlichkeit: Ein Firmenjubiläum? Ein Abschied? Da es weder Geschenke noch Torten gibt, handelt es sich wohl nicht um eine Geburtstagsfeier. Es wummert so laut, dass man sich sogar draußen laut unterhalten müsste, stünden nicht manche Partygäste in direkter Umgebung.

Bis auf eine Ausnahme besteht die Gruppe ausschließlich aus Männern. Ihre Musikauswahl legt den Verdacht nahe, sie würden im Urlaub bevorzugt zum Ballermann reisen: „Macarena“, „Ein knallrotes Gummiboot“ und schließlich auch die im Sommer heiß umkämpfte Bordellchefin „Layla“. Der jüngere Herr, der für die Musik verantwortlich zeichnet, hüpft im Raum auf und ab und hält dabei einen roten Sombrero auf dem Kopf fest.

Weil drinnen nicht geraucht werden darf, lernen wir die Gruppe im Freien nach und nach besser kennen. Einer der Herren ist ziemlich angetrunken und bekommt es trotz seiner eher schmalen Gestalt hin, beim Hinsetzen einen Plastikstuhl zu zerlegen. Als kurz darauf die Polizei eintrifft, weniger wegen des Stuhls als aufgrund der fragwürdigen Beschallung, keimt für einen Moment der Gedanke auf, es könne sich hier um ein Mitmachtheater handeln, in dem sich die Zuschauer mindestens inmitten des Geschehens befinden, wenn nicht sogar aktiv beteiligen.

Die Gäste rufen den Wirt nach draußen, er thront dann auf dem Treppenabsatz über den auf dem Gehweg wartenden Beamten. Er grinst so aufreizend milde, dass man nicht wissen möchte, was er denkt.

Ein Polizist sagt beschwichtigend, es sei ja noch gar nicht 22 Uhr, aber Anrufer hätten sich trotzdem beschwert, weil Kinder nicht schlafen könnten. Kein Wunder, liegen doch direkt über der Kneipe Wohnungen. Drinnen dreht gleichzeitig ein Gast die Lautstärke hoch, ein bisschen Rebellion gegen die Staatsmacht muss manchmal sein. Die Beamten rücken ab.

Vorhang, nächster Akt: Der Mann, der den Stuhl zerbrochen hat, kehrt zurück, ein Kratzer ungewissen Ursprungs durchzieht sein Gesicht. Ein Kollege bringt ein Pflaster, doch der Verletzte wehrt sich mit Händen und Füßen und kommt sich wohl vor wie ein Kind, dem die Mutter mit spuckenassem Daumen etwas aus dem Gesicht wischen will. Er flüchtet nach drinnen, ohne medizinisch versorgt worden zu sein.

Ein nicht weniger betrunkener Kumpan will derweil in ein Uber-Auto steigen, das offensichtlich von anderen Passagieren gebucht wurde. Ein jüngerer Kollege, der alle permanent rührend mit Zigaretten versorgt, beruhigt den verhinderten Fahrgast, holt ihm einen Stuhl und sagt mit aufrichtigem Herzen: „Ja, du bist ein Arsch, aber wirklich, so bist du gar nicht.“