Seinen ersten Arbeitstag als Vorstandsvorsitzender der Charité hat Heyo Kroemer schon hinter sich. Von seiner Mietwohnung in Alt-Moabit ist er am Montag mit dem Rad zum Campus Mitte gefahren. Er hat das frisch renovierte Büro seines Vorgängers bezogen, seinen Computer zum Laufen gebracht und erste Gespräche geführt, unter anderem mit Kollegen der Geschäftsstelle, des Vorstands und des Fakultätsrats.

Heyo Kroemer übernimmt eine der größten Universitätskliniken Europas 

Diesen Dienstagnachmittag ist nun die feierliche Amtsübergabe auf dem Campus Mitte. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wird den bisherigen Chef Karl Max Einhäupl (72) verabschieden und den neuen begrüßen. Musik gibt es auch: vom Charité-Chor.

Wohlfühl-Atmosphäre also. Doch so wird es für Heyo Kroemer nicht weitergehen. Schließlich übernimmt er die Leitung einer der größten Universitätskliniken Europas – in einer hoch verschuldeten Stadt, in der man finanziell lange Zeit nur kleckerte statt klotzte. Immerhin: Die gröbste Arbeit, um das bis 2010 noch klar defizitäre Unternehmen auf Kurs zu bringen, ist schon erledigt.

Die Charité zählt nun auch zu den deutschen Eliteuniversitäten 

Karl Max Einhäupl, der 1992 aus München an die Charité kam, zunächst die Neurologie leitete und 2008 Vorstandsvorsitzender wurde, hat der Politik bewiesen, dass die Berliner Universitätsmedizin ihre Kosten im Griff hat. Daraufhin wurde wieder investiert. Das markante Bettenhochhaus in Mitte ist saniert, in Steglitz laufen die Arbeiten und bis 2026 haben der Senat und der Bund 1,4 Milliarden Euro versprochen, um die übrigen dringend notwendigen Bau- und Infrastrukturmaßnahmen an den vier Standorten vorzunehmen.

Auch mit der Spitzenforschung ging es in der Einhäupl-Ära deutlich voran: Das Berlin Institute of Health (BIH), ein ambitioniertes Projekt, das Grundlagenforschung und klinische Medizin enger verzahnen soll, ist gegründet und wird nun wissenschaftlich in die Charité integriert. Der Clou aus Berliner Sicht: Das BIH wird zu 90 Prozent aus Bundesmitteln finanziert und bringt den Forschern der Stadt so verlässlich 70 Millionen Euro im Jahr.

Noch dazu zählt die Charité seit dem 21. Juli zusammen mit den drei anderen großen Berliner Universitäten FU, TU und HU nun auch zu den deutschen Eliteuniversitäten. Denn die Berlin University Alliance war im Exzellenzwettbewerb des Bundes mit ihrem Verbundantrag erfolgreich und darf sich über bis zu 196 Millionen Euro in den nächsten sieben Jahren freuen.

Kroemer soll die Forschung der Charité international noch herausragender machen 

Der Boden ist also bereitet für Heyo Kroemer, der in Göttingen seit 2012 die Universitätsmedizin geleitet hat. Dem 59-jährigen Pharmakologen, geboren im ostfriesischen Leer, ist aber klar, dass er als Charité-Chef trotzdem jede Menge Herausforderungen zu meistern hat. Als Beispiel für eine externe Herausforderung nennt er den demografischen Wandel, der in der nächsten Dekade zu einem verstärkten Ringen um Fachkräfte führen werde. „Wir müssen uns sehr darum bemühen, ein guter Arbeitgeber zu sein“, sagt Heyo Kroemer.

Aber auch intern gibt es große Aufgaben. So wird von Kroemer erwartet, die Forschung an der Charité international noch herausragender zu machen, als sie es heute schon ist. Dazu muss er vor allem das BIH auf Touren bringen, das seit seiner Gründung im Jahr 2013 ganz schön schlingert – und seit zwei Jahren nur Interimschefs an der Spitze hat.
Das BIH sei wirklich wichtig für die Charité, bestätigt Kroemer. „Damit haben wir ganz neue Optionen“, ergänzt er. Weitere Spitzenforscher für das Institut zu gewinnen, sei eine große Herausforderung. „Der Wettbewerb hat sich deutlich verschärft. Um die sehr guten Leute gibt es eine intensive Auseinandersetzung“, sagt er.

Heyo Kroemer will eine gute Beziehung zur Regierung 

Und dann ist da noch der Auftrag, Berlin bis 2030 zur Gesundheitsstadt zu entwickeln, zu einem europäischen Spitzenstandort in der Medizin. „Der Zeitraum bis 2030 ist vielleicht etwas kurz, aber grundsätzlich ist es zu schaffen“, sagt Kroemer. Mit einer langfristigen Strategie und Unterstützung des Staates könne Berlin es auf Augenhöhe schaffen mit Metropolen wie London und Stockholm.
Für diese Vorhaben, sind nun jede Menge Taten notwendig – vor allem hat die Charité den Auftrag, sich mit den ebenfalls in der Hand des Landes befindlichen Kliniken des Vivanteskonzern besser abzustimmen und gemeinsame Strukturen aufzubauen, etwa eine Ausbildungsakademie.

Auf die Charité kommt also einiges zu – und alles wird kosten. Doch Kroemer hat bereits anderswo bewiesen, dass er Mittel auftreiben kann. In Göttingen hat er den kompletten Neubau des Klinikums geplant und erwirkte vom Land Niedersachsen 1,2 Milliarden Euro dafür. 2033 soll das Gebäude fertig sein.
Auch zuvor, in seiner Zeit als Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Greifswald, hat er der Politik mehrere hundert Millionen Euro abgerungen für ein nagelneues Klinikumsgebäude.

„Die Interaktionen mit der Politik waren gut an meinen beiden letzten Standorten“, bestätigt Kroemer. Ein guter Draht zur Regierung sei aber auch notwendig für ein Uniklinikum – schließlich sei das Land der Eigentümer. In Berlin findet er die Unterstützung vonseiten der Politik exzellent. Kroemer: „Es ist außergewöhnlich und ein großer Vorteil, dass der Regierende Bürgermeister zugleich Wissenschaftssenator ist.“