Über 800 Personen James-Simon-Park geräumt.
Foto:  Morris Pudwell

BerlinEs ist eine Mischung aus Lifestyle, Übermut und gutem Wetter – und stets werden dabei jegliche Corona-Hygieneregeln missachtet. Immer öfter werden öffentliche Orte zu spontanen Party-Hotspots mit Hunderten Teilnehmern – und am Ende gibt es nicht selten Randale. In Stuttgart und Frankfurt waren es zentrale Plätze, in Berlin wird oft in Parks und Grünlagen gefeiert und dabei über die Stränge geschlagen. Bis die Polizei kommt, allein schon, weil sie nach dem Infektionsschutzgesetz dazu verpflichtet ist.

600 Leute machten in der Nacht zu Sonnabend im James-Simon-Park in Mitte massiv Party. Laute Musik, Gegröle, auch Schlägereien. Gegen 23 Uhr lösten rund 100 Polizisten das Treiben auf. In der Nacht zu Sonntag dasselbe Bild, diesmal waren es rund 800 Personen. Polizisten wurden angepöbelt, vereinzelt mit Flaschen beworfen. Es kam in beiden Nächten zu Festnahmen. Jetzt läuft die Debatte um Konsequenzen. Hätte die Polizei früher und härter eingreifen sollen? Oder muss die Politik klarere Vorgaben machen?

Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) ist ein Mann des klaren Wortes – zu klar für manchen in dem besonders linken Berliner Landesverband seiner Partei. Nach den nächtlichen Open-Air-Partys denkt von Dassel in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung jedenfalls laut darüber nach, ob die Polizei nicht schärfer hätte reagieren sollen. Er tue sich schwer, sich zu polizeitaktischen Fragen zu äußern, „und Deeskalation ist natürlich sehr wichtig und richtig“, sagt von Dassel. Dennoch erscheine es ihm „sinnvoll, dass die Polizei rigoroser auftritt“.

Aus Sicht von Benjamin Jendro macht es sich von Dassel dabei zu einfach. Der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht die Politik in der Verantwortung, gegen das Phänomen der Massenpartys unter freiem Himmel vorzugehen. Via Twitter schrieb Jendro: „Im James-Simon-Park meinten mal wieder Hunderte, sie müssten auf Infektionsschutzmaßnahmen pfeifen und die mit Flaschen angreifen, die gesetzlich dazu verpflichtet sind, dagegen vorzugehen – Werten wir das jetzt als wöchentliche Normalität oder kommt da mal was @AGH_Berlin?“

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt der Gewerkschafter, was er genau vom Berliner Abgeordnetenhaus erwartet. „Es geht nicht um schärfere Gesetze. Es geht darum, dass die Politik in der Verantwortung ist und diese auch übernehmen muss“, sagt er. Sie müssten sich um die Umsetzbarkeit von Gesetzen kümmern. Derzeit seien Polizisten dazu gezwungen, gegen die Party-Exzesse vorzugehen – immer im Wissen, dass das auch in den kommenden Wochen an jedem Wochenende so weitergehe. Gebraucht werde ein „gesamtstädtischer Ansatz. Dazu müssen sich die Bezirksbürgermeister zusammensetzen.“ So sei es etwa denkbar, dass Bezirke an den Wochenenden Zugangskontrollen für Parks einführen oder bestimmte Flächen als Party-Areale ausweisen.

Im James-Simon-Park direkt gegenüber der Museumsinsel – nach von Dassels Worten schon seit Jahren „absolut übernutzt“ – haben sich die wilden Partys zuletzt unmittelbar neben einer Strandbar am Spreeufer entwickelt. Von dort kann man sich Liegestühle mitnehmen, die dann im Park verteilt werden. Viele junge Leute auf engem Raum, Alkohol und andere Drogen führen dann oft zur Eskalation, so von Dassel. Viele kämen nach seiner Einschätzung alleine deswegen dorthin. Von Dassel hat zwei Gruppen von Besuchern dieser Partys ausgemacht. „Da gibt es welche, die machen den wilden Maxe, bis die Polizei kommt. Und dann gibt es diejenigen, die sagen: ,Da passiert was. Vielleicht gibt’s Randale. Vielleicht kommt die Polizei. Lass uns da mal hingehen.‘“ Zusammen ergebe das eine fatale Mischung.

Auch in Mittes Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist das Phänomen spontaner Partys unter freiem Himmel bekannt. Die Befürchtung, dass daraus Corona-Hotspots werden, ist groß, gilt doch Friedrichshain-Kreuzberg gerade in der Altersgruppe zwischen 20 und 35 Jahren also besonders betroffen. Die hohen Infektionszahlen seien vielfach auf junge feiernde Menschen zurückzuführen, heißt es in einer Mitteilung des Bezirksamts. Ansteckungsorte seien oft Clubs, private Feiern, aber auch „inoffizielle Veranstaltungsorte“. Gesundheitsstadtrat Knut Mildner-Spindler (Linke) verweist darauf, dass es in erster Linie in der Verantwortung der Betreiber sowie der Besucher selbst liege, auf Abstand und Hygiene zu achten. „Wir werden als Bezirksamt die Veranstaltungsorte verstärkt kontrollieren.“ Doch er schreibt in der Mitteilung auch: „Auch im Außenbereich kann man sich anstecken.“ Er hätte auch die Parks erwähnen können.