Es gibt Tage, an denen wünscht sich Diana Henniges, dass alles wieder so wäre wie am Anfang. Als sie noch eine besorgte Bürgerin war, die nicht mehr still halten mochte, weil das Elend der Flüchtlinge ihre Haustür erreicht hatte. Damals, das war 2013, hatte die Stadt eine Notunterkunft in einem ehemaligen Vermessungsamt in Moabit eingerichtet. Diana Henniges fand das unerträglich.

Sie rief im Internet dazu auf, Spenden zu bringen. Nach ein paar Tagen stapelten sich 150 Kisten in ihrer Wohnung. Schon damals ging alles sehr viel schneller, als sie es vorhersehen konnte. Nur dass sie diese Überforderung damals gut aushalten konnte, weil sie Gutes bedeutete. Die Spenden waren für sie ein Zeichen gegen die Rechten, die in dieser Zeit ein Flüchtlingsheim in Hellersdorf belagerten.

Wenn es heute nur immer noch einfach darum gehen würde, Spenden zu verteilen und Zeichen zu setzen. 80.000 Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr in Berlin an. Im Sommer brach das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Turmstraße unter dem Ansturm zusammen. Es ging plötzlich nicht mehr um eine Notunterkunft. Anfangs war „Moabit hilft“ die einzige Organisation, die sich am Lageso um die Menschen kümmerte, Wasser und Essen verteilte. Diana Henniges wurde zur Sprecherin der vielen Ehrenamtlichen, die tagtäglich die Arbeit der Behörde übernahmen. Es war eine Aufgabe, die viel zu groß war, um von Ehrenamtlichen übernommen zu werden.

Eine Mammutaufgabe

Für viele Beobachter war es nur eine Frage der Zeit, bis das nicht mehr gut gehen würde. Vor zwei Wochen dann war es soweit. „Moabit hilft“ verbreitete, ein Flüchtling sei vor dem Lageso gestorben. Sie stellten sogar eine Traueranzeige ins Netz: „Du hast so viel überlebt. Du hast das Lageso nicht überlebt.“ Alarm zu schlagen war längst zu einem Reflex von „Moabit hilft“ geworden. Von Diana Henniges.

Es stimmte nicht. Es gab keinen Toten. Es war die Lüge eines Helfers, mit dem der Verein eng zusammengearbeitet hatte.

Der Innensenator Frank Henkel (CDU) schlug sofort zu, nannte das „eine der miesesten und perfidesten Aktionen“, die er jemals erlebt habe. „Wer solche Gerüchte streut und ungeprüft weiterverbreitet, legt es bewusst darauf an, die Stimmung in unserer Stadt zu vergiften.“

In den Tagen darauf bekam „Moabit hilft“ Morddrohungen, in die Räume des Vereins wurde eingebrochen, jemand legte ihnen einen toten Vogel vor die Tür.

Diana Henniges hockt an diesem Tag eingezwängt zwischen Tisch und Tür in dem Büro, das „Moabit hilft“ in Haus D auf dem Lageso-Gelände eingerichtet hat. Es ist ein winziger Raum. Ständig fliegt die Tür auf. „Diana! Da bist du! Ich habe hier eine Familie, kannst du helfen?“ Sie wird dann kurz unwirsch. „Keine Ahnung! Du kommst einfach hier rein. Was soll ich denn helfen, Ali? So geht’s nicht.“

Aber so ist es. Die Überforderung ist ein Dauerzustand in Henniges’ Leben. „Wir haben keinen Fehler gemacht“, sagt sie. „Der Fehler sind die Missstände draußen. Wir wären nicht hier, wenn hier nicht seit Monaten gegen das Grundrecht auf Asyl verstoßen würde.“

Draußen, da stehen Männer mit müden Gesichtern auf einem Feld aus Matsch, eingepfercht zwischen Absperrgittern, es nieselt, die Kälte kriecht durch löchrige Schuhe und zu dünne Jacken. Noch immer berichten Helfer von Menschen, die hier tagelang warten. Mittlerweile gibt es eine Außenstelle in der Bundesallee, die sich um die Registrierung der Neuankömmlinge kümmert. Das klappt auch. Um aber Leistungen zu bekommen, müssen die Menschen wieder vor dem Lageso warten. Zwischenzeitig waren die Hälfte der Lageso-Mitarbeiter krank.

Das Lageso ist ein unwirklicher Ort

Die Zelte, in denen die Schlangen verschwinden, bieten zwar mittlerweile ein Dach über dem Kopf, doch immer wieder, das berichten Helfer, fallen die Heizungen aus. Wer eine Wartenummer bekommt, kriegt dazu einen Stempel auf den Unterarm. Das Lageso ist ein unwirklicher Ort. Der Anblick ist auch an ruhigeren Tagen schwer auszuhalten.

Das Haus von „Moabit hilft“ ist ein Lichtblick in dieser Tristesse. Über dem Durchgang zur Kleiderkammer prangt „Willkommen“ in bunten Farben und vielen Sprachen, auf dem Tisch davor steht ein Glas mit Zuckerstangen. Im Vorraum drängen sich Frauen mit Kindern, dazwischen die Helfer, viele sind noch Schüler, viele selbst Flüchtlinge. Sie lachen, umarmen sich im Vorbeigehen.

Als Ali wieder draußen ist, holt Diana Henniges tief Luft. „In unserem Haus wabert es vor Liebe“, sagt sie. „Aber es gibt viele Tage, an denen ich denke: Ich möchte das nicht mehr.“ Es ist ihr zu viel geworden, zu nah. Sechzig Stunden in der Woche verbringt sie hier. Einen jungen Mann hat sie bei sich zu Hause aufgenommen. „Der Raum, den Flüchtlinge im Moment in unserem Leben einnehmen, lässt keinen Raum mehr für uns selbst.“

Helfer in Krisengebieten werden alle paar Monate ausgetauscht, damit sie sich erholen können. Über Dirk V., den Mann, der die Lüge vom toten Flüchtling in die Welt setzte, sagen Leute, die ihn kannten, er sei ausgebrannt gewesen. Er hätte das Elend nicht mehr ertragen, schrieb er selbst in einer Erklärung. Er habe aufrütteln wollen. Psychologen kennen das Münchhausen-Syndrom, bei dem der Patient Krankheiten erfindet, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen.

„Moabit hilft“ hatte den Toten seit Wochen herbeigeredet. Bereits im Dezember saß Diana Henniges in der Talkshow von Anne Will, ihr gegenüber der Landesvorsitzende der Berliner SPD, Jan Stöß, die wütende Bürgerin gegen die Politik, die nicht Herr der Lage wird: „Menschen, Kinder, Babys schlafen unter Brücken“, sagte sie. „Es wird nicht lange dauern und wir werden den ersten Toten haben.“

Bevor Diana Henniges „Moabit hilft“ gründete, arbeitete sie als freiberufliche Historikerin, verdiente sich als Veranstaltungsmanagerin und Kellnerin etwas dazu. Jetzt diskutierte sie auf einmal auf Augenhöhe mit gestandenen Politikern. „In Talkshows denke ich mir: In Unterhosen sehen die auch nicht anders aus als ich“, sagt sie. Und dass sie von ihrem Vater, einem 1956 aus Ungarn geflohenen Journalisten, zu einem politisch denkenden Menschen erzogen wurde: „Wut und Gerechtigkeitssinn treiben mich an.“

Ein halbes Jahr lang waren Diana Henniges und vier andere „Moabit hilft“-Leute bei der Caritas angestellt; mit Hunderten Helfern sind sie die größte Organisation am Platz. Ihre mediale Präsenz hat sie zur ersten Adresse für Spender gemacht. „Jedes Mal, wenn ich in einer Talkshow sitze, können wir danach wochenlang arbeiten“, sagt Diana Henniges. Zu den Spendern gehören Einrichtungen wie die amerikanische Botschaft oder die Staatsoper. Vergangene Woche kamen 12.000 Euro von der Fernsehsendung „Circus HalliGalli“.

Jetzt sitzt Diana Henniges mit am Tisch der Landeskonferenz für Flüchtlingsfragen, treffen sich regelmäßig Helfer mit den Beratern von McKinsey, die die Abläufe am Lageso verbessern sollen. Auch der neue Chef, Sebastian Muschter, ein McKinsey-Mann, hat sich schon bei „Moabit hilft“ vorgestellt. Sogar nachdem die Sache mit der Falschmeldung bekanntwurde, sagte Sozialsenator Mario Czaja (CDU): „Wir brauchen die Leute.“

Mittags in der Kantine im Lageso. In der Ecke sitzt eine Dame um die sechzig, die Haare adrett frisiert, dezentes Make-up. Sie will nicht, dass man ihren Namen schreibt. Wenn sie über „Moabit hilft“ spricht, senkt sie die Stimme zu einem Flüstern, sie sagt „MH“, aus Sorge, jemand könnte im Vorbeigehen hören, wovon sie spricht. Sie ist eine der vielen, die still und leise helfen, die keine politischen Forderungen hat, sondern einfach nur ihre Arbeit machen will.

„Für die Menschen“, sagt sie. Seit zehn Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich in Stiftungen und Vereinen. Seit September ist sie auf dem Gelände des Lageso, hat Tee auf dem Platz, Essen im Zelt und Kleider in Haus R ausgegeben, hat im Büro für Ordnung gesorgt. Eine Zeit lang trug sie eine der grünen Westen, die bei „Moabit hilft“ denjenigen vorbehalten sind, die die Arbeit der vielen Helfer koordinieren.

„Manchmal kracht’s eben“

Dann kam es zum Streit mit Diana Henniges. Sie sei dann „entfernt“ worden, sagt die Helferin, von einem Tag auf den anderen habe sie nicht mehr kommen dürfen. Einfach so. Diana Henniges habe das bestimmt, sie führe den Verein „wie eine Sonnenkönigin“. Seitdem hilft die Frau auf eigene Faust, zusammen mit einer Gruppe anderer, denen es ähnlich ergangen sei wie ihr, kümmert sie sich um Härtefälle. Es ist eine zähe Aufgabe, die sie sich ausgesucht hat, eine die viel Geduld und Hartnäckigkeit braucht; eine, die nicht für Schlagzeilen taugt.

„Krawallig“, nennt die Frau Diana Henniges, unprofessionell sei die Arbeit von „Moabit hilft“, auf Außenwirkung bedacht, aber ohne Konzept. Sach- und Geldspenden würden schlampig behandelt. Konflikte zwischen helfenden Flüchtlingen nicht geschlichtet. Die Helfer würden alleingelassen mit ihrer Last, das Angebot der Supervision kaum genutzt, weil der Verein sich nicht kümmere.

Es ist eine lange Reihe an Vorwürfen. Sie sind schwer nachprüfbar, aber sie decken sich mit dem, was andere berichten, die den Verein verlassen haben. Zu ihnen gehörten auch Laszlo Hubert, der sich bis Dezember den Vereinsvorsitz mit Diana Henniges teilte, und Victoria Baxter, die mittlerweile ihre eigene Initiative gegründet hat. Fragt man Diana Henniges nach den internen Streitigkeiten, sagt sie: „In einer Familie kracht’s halt mal.“

Die Diana Henniges, die man in diesen Tagen trifft, hat wenig von einer Sonnenkönigin. „Wir haben kein geregeltes Leben mehr“, sagt sie. „Schön ist das nicht.“ Sie wünscht sich dann, dass der Verein wieder Kiezarbeit machen könnte, statt Nothilfe zu leisten. Vielleicht ist es Zeit für den Rückzug.